Nackte Diplomaten

Diplomatie & internationale Akteure

Maximilian Stern – In seinem Buch “the Naked Diplomat” zeigt Tom Fletcher auf, wie sich die Machtstrukturen im digitalen Zeitalter verändern. Diese neuen Verhältnisse fordern eine neue Art der Diplomatie: Sie muss authentisch, direkt und für eine breite Öffentlichkeit zugänglich sein.

Tom Fletcher hat eine rasante Karriere im britischen diplomatischen Dienst hingelegt: Er war aussenpolitischer Berater dreier Premierminister (Blair, Brown, Cameron) und einer der jüngsten britischen Botschafter überhaupt. Er darf sich rühmen, als erster westlicher Diplomat vom iranischen Präsidenten retweetet geworden zu sein. Und er hat eben jenes Buch geschrieben, welches zurzeit als must read in der Diplomatie gilt: The Naked Diplomat. Heute ist er Professor in New York und berät unter anderem die Vereinigten Arabischen Emirate und die UNO.

Diplomatie und Macht

Das Buch ist grob unterteilt in drei Abschnitte: Der erste ist eine sehr unterhaltsame und nicht zu lang geratene Geschichte der Diplomatie, die beim Neandertaler mit dem klingenden Namen “Ug” (dem nackten Diplomaten) beginnt und mit der provisorischen Konklusion endet, dass Diplomatinnen und Diplomaten dort sein müssen, wo die Macht ist: “If diplomats are not where the power is, they are simply slow journalists with smaller audiences.”

Diese Macht, so Fletcher, verschiebt sich gerade weg von den Nationalstaaten. Die Systeme des Westfälischen Friedens, des Wiener Kongresses, des Völkerbundes und Bretton Wood sind definitiv Auslaufmodelle und nötig wird ein neues Verständnis davon, wie die heutigen Mächte miteinander umgehen – und über Macht verhandeln – sollen. Fletcher ist der Ansicht, dass Diplomatinnen und Diplomaten dieses neue Verständnis mitprägen müssen.

Authentische Diplomatie

Im zweiten Teil des Buches handelt Fletcher die grossen inhaltlichen Themen der digitalen Diplomatie ab: Wer hat die Macht im Netz? Was ist das richtige Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit in Bezug auf unsere Daten? Er spricht aber auch über Soft Power und die Bedeutung von Innovation und Kreativität als neue Elemente dieser Art von Macht. Um diese auszuüben, so Fletcher, müssen Diplomatinnen und Diplomaten vernetzt sein und diese Vernetzung flexibel nutzen können. “Diplomats will need to embrace their inner anarchist”: Man kann nicht jeden Tweet von der Zentrale absegnen lassen.

Damit kommt Fletcher eigentlich zum Kern des Naked Diplomat: Er/sie muss authentisch sein, darf sich nicht hinter den vielen Gepflogenheiten und Protokollen der Diplomatie verstecken. Er/sie muss bereit sein, persönlich Ecken und Kanten zu zeigen, Risiken einzugehen und mit einer breiten Öffentlichkeit interagieren. Gleichzeitig muss er/sie natürlich die Position seines/ihres Landes nach wie vor vertreten und dadurch entsteht eine gewisse Spannung. Aber um in der neuen Welt gehört und verstanden zu werden braucht es eben Tweets und Blogposts statt verklausulierten Communiqués. Und die richtige Balance zu finden zwischen schneller, offener Kommunikation und diplomatischem Geschick ist durchaus möglich, wie Fletcher mit vielen eigenen Beispielen aufzeigt.

Nicht alles muss jedoch digital sein. Verhandlungen, seien sie bilateral oder multilateral sind schwieriger geworden durch die ständige Vernetzung und die grössere Transparenz. Hier spricht sich Fletcher auch dafür aus, informelle Verhandlungen über Akademiker, Aktivistinnen oder pensionierte Diplomaten besser zu nutzen – wiederum muss man Kontrolle abgeben und Netzwerke stärken.

 

Bürgerdiplomatie

Der letzte Teil von Fletchers Buch wagt einen Ausblick in die Zukunft: Mächtige Technologieunternehmen und Superreiche stehen einem schwächelnden und unvorbereiteten westlichen Nationalstaat gegenüber, der mit zunehmender Ungleichheit und neuen gesellschaftlichen Herausforderungen der Digitalisierung überfordert ist. Gleichzeitig hat der Kampf um die Herrschaft im Netz – nicht zuletzt gegen mächtige Terrorgruppen – eben erst begonnen. Fletcher zeigt aber auch ein hoffnungsvolles Bild: Noch nie ging es so vielen Menschen absolut gesehen so gut wie heute und das Netz verkörpert auch ein grosses Freiheitsversprechen.

Um die Probleme der Gegenwart anzugehen, so Fletcher, braucht es politischen Willen. Er spricht von Citizen Diplomacy, von der Notwendigkeit, die Verhandlung über unsere Zukunft nicht den Diplomaten zu überlassen, sondern selbst in die Hand zu nehmen. Und dort gleitet er zuweilen in Pathos ab: “The greatest danger is in fact the loss of the curiosity to learn from each other, the loss of the desire to live together.”

Auch wenn er sich zuletzt etwas hineinsteigert in die Vorstellung der Diplomatie als “basic human reflex” der uns dabei hilft, gemeinsam auf dieser Welt zu leben: Tom Fletcher hat mit “The Naked Diplomat” ein wichtiges Buch geschrieben. Die Diplomatie – gerade auch diejenige der Schweiz – hat noch nicht verstanden, dass Apéros auf Botschaften nicht länger ausreichen, um die Schweizer Anliegen in der Welt effektiv zu vertreten. Und sie hat noch weniger verstanden, dass sie sich dazu ein Stückweit von ihrer Hierarchie befreien muss. Die Diplomatie muss authentisch, ehrlich und zugänglich sein, um einen Dialog mit den neuen Akteuren – zu denen auch eine neue Öffentlichkeit gehört – zu führen. Das zu lernen ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil die Diplomatie sonst ein Legitimitätsproblem hat: Die Analysen anderer Akteure sind besser und schneller verfügbar, und Verhandlungen können heute auch ad hoc aus der Zentrale geführt werden. Die lokale Präsenz durch Botschaften braucht eine Neuinterpretation. Fletcher liefert dazu die Anleitung.

Tom Fletcher: “The Naked Diplomat. Understanding Power and Politics in the Digital Age”, WilliamCollins, 2016.

Dieser Blogpost entstand aus Anlass des Besuches von Tom Fletcher in Bern, wo er am EDA Think-Tank und an einem Abendessen des Think-Tanks foraus teilgenommen hat.