Mikrostaat Liberland – Klein, aber oho!

Daniel Högger & Katharina Kramer  Sich einen eigenen Staat erschaffen, scheint utopisch. Doch mit originellen Ideen und der Hilfe von Social Media scheint der Tscheche Vit Jedlicka erfolgreich seinen Traum des eigenen Staates zu verwirklichen.

«Wie bekomme ich das Land, das ich will?» In Zeiten der globalen politischen Instabilität, Reformen, Debatten, Protesten und Umstrukturierung stellen sich viele diese Frage. Sei es aus Frustration, Unterdrückung oder purer Euphorie zum Neustart – die Bevölkerungen möchten was ändern. US-Präsident John F. Kennedy sagte einmal «Ask not what your country can do for you, ask what you can do for your country». Also, was können wir für unser Land tun? Sich politisch engagieren, einer Gewerkschaft beitreten, diplomatisch aktiv werden? Die alternative und wohl radikalste Lösung: Einen eigenen Staat gründen.

Vom Niemandsland zum Liberland

Vor über einem Jahr dachte sich der Tscheche Vit Jedlicka genau das. Er fand ein sieben Quadratkilometer grosses Niemandsland zwischen Kroatien und Serbien, hisste eine Flagge und nannte es Liberland – ein Stückchen liberale Heimat. Dies ist jedoch nicht der erste Versuch, einen Mikrostaat offiziell zum Leben zu erwecken: SealandHutt River ProvinceRepublik Kugelmugel und Ladonien sind nur einige Beispiele solcher Bestrebungen. Immer wieder brechen Menschen mit ihrem Staat, um sich von dessen bürokratischen Zügeln abzukoppeln und Selbstverwirklichung im individuellen oder kollektiven Alleingang zu finden.

Um im Völkerrecht als Staat zu gelten, braucht es im Prinzip zwar lediglich das Vorhandensein eines natürlich entstandenen Territoriums, eines Staatsvolks und einer effektiven Regierung. Doch nützt dies nicht viel, wenn man von den anderen Staaten nicht als einer der ihren anerkannt wird. So wurde diesen Mikrostaaten international denn auch bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn überhaupt, dann eher aus Amüsement als aus Ehrfurcht. Dennoch scheint Liberland etwas richtig zu machen. Laut dem liberländischen Honorarkonsul in der Schweiz war Vit Jedlika im vergangenen Jahr einer der am häufigst interviewten Präsidenten der Welt. Sein regelrechtes Following lässt sich mit über 412’000 Einbürgerungsgesuchen, darunter 400 aus der Schweiz, sehen. Aber wie kommt es dazu?

Modern und zugänglich

Die Einbürgerungsstrategie Liberlands ist vor allem eines: Modern. Nebst den inzwischen 60 Honorarkonsulen weltweit vertraut das junge Land auf Social Media-Plattformen, um ihren Slogan von «Leben und leben lassen» dem friedliebenden Publikum näher zu bringen. Somit hat es Liberland geschafft, aus einer abstrakten Idee ein zugängliches Konzept zu entwickeln. Zudem beruft sich der Mikrostaat auf den Input der neuen Bevölkerung, denn es handelt sich bei Liberland um eine Meritokratie. Ein politisches System, das sich den Menschen für ihre Arbeit in einer Kryptowährung namens Liberland Merits (LLM) erkenntlich zeigt. Dabei kann man sich nicht nur zwischen ehrenamtlicher und bezahlter Arbeit entscheiden, sondern auch über die Höhe des Steuerbeitrags. Den Bürgern ist es nämlich selbst überlassen, welchen Anteil ihres Einkommens sie dem Staat überweisen wollen. Ein Crowdfunding-Projekt auf Staatsebene.

Am Ende fragt sich nicht nur, ob die utopischen Grundwerte realistisch umsetzbar sind, sondern auch, ob die Gemeinschaft bereit ist mit dem Staatswesen zu experimentieren. Liberland – Zu gut, um wahr zu sein?

Katharina Kramer ist Politologin und studierte Internationale Beziehungen in Leeds, Strasbourg und Moskau. Sie ist Mitgründerin des Blogs „East Side Stories“ und seit November 2015 Stagiaire bei foraus.

Daniel Högger ist Programmleiter Global Governance bei foraus.

Der forausBLOG ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren/innen zur Verfügung gestellt wird. Die hier veröffentlichten Beiträge sind persönliche Stellungnahmen der Autoren/innen. Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus.