Kulturzerfall in Italien: Eine Botschaft aus der Schweiz

Europa

Von Elisa Ravasi  „60% des Weltkulturerbes befindet sich in Italien. Der Rest ist in Sicherheit.“ So lautet ein berühmtes Sprichwort, das auf eine traurige Wahrheit hinweist und den Wert der Kultur in Italien in Frage stellt.

Kulturförderung und –interesse in Italien

Mit 49 Einträgen steht Italien an der ersten Stelle in der Unesco-Liste des Weltkulturerbes, welche aber weltweit über 1‘000 Güter erfasst. In Italien befindet sich also nicht 60% des Weltkulturerbes, aber Italien ist immerhin verantwortlich für einen grossen Teil davon. Das Land ist weltweit bekannt für seine reiche Kultur in den verschiedensten Bereichen, sei es u.a. Architektur, Malerei oder Musik. Begriffe wie Kolosseum, Sixtinische Kapelle oder La Scala gehören zum Alltagswissen.

Trotz internationaler, europäischer und privater finanzieller Unterstützung reicht das Geld zur Unterhaltung und Förderung dieses Schatzes nicht. Seit mehreren Jahren streicht Italien selbst die Mittel des Kulturministeriums, da Kultur im Belpaese meistens nicht als Reichtum, sondern als schwerwiegenden Kostenfaktor wahrgenommen wird. Es reicht darauf hinzuweisen, dass das Budget des Kulturministeriums von 2,7 Milliarden in 2001 auf 1,5 Milliarden in 2013 geschrumpft ist. Private Finanzierungsinitiativen, wie im Fall der Restaurierung des Kolosseums durch den erfolgreichen Lederunternehmer Diego Della Valle, stossen auf administrative und bürokratische Hürden.

Weitere besorgniserregende Daten stammen aus einem neueren Bericht der Europäischen Kommission vom November 2013 über „Kulturzugang und –teilnahme“. Etwa die Hälfte der Italiener (49%) ist „wenig aktiv“ im kulturellen Bereich, wobei nur 8% behaupten ein grosses oder sehr grosses Interesse an Kultur zu haben. Diese Ergebnisse weichen stark vom europäischen Durchschnitt ab, wonach sich 34% wenig interessiert und 18% sehr interesseriet an Kultur zeigen.

Im Hinblick auf das Forum für den Dialog zwischen Italien und der Schweiz, das in Zusammenarbeit mit foraus am 31. Januar 2014 in Bern stattfindet, will ich das schweizerische Kulturförderungsmodell dem düsteren italienischen Kulturbild gegenüberstellen.

„60% des Weltkulturerbes befindet sich in Italien. Der Rest ist in Sicherheit.“

Kulturförderung und –interesse in der Schweiz

Die Schweiz ist weltbekannt für ihre Finanzinstitute, die Uhrenproduktion und die köstliche Schokolade. Von Schweizer Kunst ist im Ausland wenig die Rede. Der gesamte Kulturbeitrag der Schweiz zur Weltgeschichte ist kaum vergleichbar mit dem italienischen. Trotzdem geniesst die Kulturförderung in der Politik wie auch in der Öffentlichkeit breite Unterstützung. In 2011 wurden 2.6 Milliarden Franken zur Unterstützung der Kultur eingesetzt, was 1,3% der gesamten Ausgaben der öffentlichen Hand entspricht.

In den öffentlichen schweizerischen Schulen wird Musik unterrichtet und jede Schülerin und jeder Schüler lernt Partituren lesen und ein Instrument spielen. Kulturförderung ist in der Bundesverfassung verankert (Art. 69) und im September 2012 wurde ein Musikförderungsartikel (Art. 67a) mit grosser Mehrheit (72,68 %) von Volk und Ständen angenommen.

Der Bericht der Europäischen Kommission liefert leider keine Daten zur Kulturliebe der Schweizer. Das Schweizer Bundesamt für Statistik erhebt aber vergleichbare Daten, die eine hohe Teilnahmequote an kulturellen Aktivitäten in der Schweiz aufzeigen: In 2008 besuchten 93% der Bevölkerung mindestens eine Kulturinstitution, wobei 62% an mehreren kulturellen Aktivitäten teilnahmen.

Kulturförderung zum Unterhalt der Kulturgüter

Diese Daten suggerieren einen positiven Zusammenhang zwischen Kulturförderung und dem Interesse der Bevölkerung an kulturellen Aktivitäten, was wiederum Kunst- und Kulturveranstaltungen finanziell und intellektuell profitabler macht. Nach dieser These würde eine erhöhte Förderung des reichen Kulturerbes Italiens das öffentliche Interesse an Kulturgütern erhöhen. Somit könnten Kunst und Kultur statt als Lasten als Reichtum wahrgenommen werden, ihre Prestige und ihr Unterhalt könnten verstärkt werden.

Ob Kulturförderung auch einen Einfluss auf die Qualität der geförderten Kunst hat, lasse ich lieber offen. Der in mehreren Studien bewiesene Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und Kreativität lässt aber daran zweifeln, dass ein geordnetes funktionierendes Kunstförderungssystem auf das chaotische Zustandekommen der Kunst tatsächlich fördernd wirken könnte.

Elisa Ravasi (26) verfasst eine Doktorarbeit im Europarecht an der Universität Zürich.

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