Indicate this! Wie nachhaltige Entwicklung messen?

Umwelt Energie & Verkehr

Josef Marty – Die eigentliche Knochenarbeit zur Umsetzung und Erreichung der ambitionierten Sustainable Development Goals steht noch bevor: die Erarbeitung der Indikatoren.

Die statistische Kommission der Vereinten Nationen schuf im März 2015 mit der IAEG-SDGs eine Expertengruppe, die mit der Erstellung eines Frameworks von Indikatoren für die SDG beauftragt wurde. Damit wird auch die Wichtigkeit der Indikatoren im Umsetzungsprozess der SDG klar unterstrichen. In der Tat sind die Indikatoren das Rückgrat der SDG um den angestrebten Fortschritt zu erfassen. Nun gilt es angemessene Indikatoren herauszuarbeiten für die Ende September angenommenen SDG.

Auf der Suche nach dem gemeinsamen Nenner

An ihrer zweiten Sitzung in Bangkok Ende Oktober konnte die IAEG-SDGs einen weiteren Schritt bei der Ausarbeitung der Indikatorenliste machen. Es gibt allerdings noch einige Herausforderungen zu meistern, bis die endgültige Auswahl im März 2016 zur Verabschiedung vorgelegt werden kann: Aus einer Liste von anfangs 164 Indikatoren müssen schrittweise detaillierte Spezifikationen ausgearbeitet werden, welche sowohl den Ansprüchen der breitgefassten SDG gerecht werden, als auch den heterogenen Voraussetzungen unter den Mitgliedstaaten Rechnung tragen. Kein leichtes Unterfangen, schliesslich verfügen viele Staaten noch über begrenzte Kapazitäten im Bereich ihrer statistischen Systeme.

Es ist deshalb sinnvoll die Anzahl der Indikatoren möglichst klein zu halten, um ihre Anwendbarkeit sicherzustellen und die beabsichtigte Umsetzung der SDG zu veranlassen. Eine Möglichkeit dieser Problematik entgegenzutreten bietet sich durch die Anwendung von multi-purpose indicators, welche verschiedene Ziele gleichzeitig messen und damit den Aufwand der Datenerhebung und –verarbeitung reduzieren. So wird etwa die Anzahl der Todesfälle, Vermissten, Verletzten, Umgesiedelten und Evakuierten infolge von Katastrophen pro 100‘000 Einwohner als Indikator für verschiedene Ziele verwendet. Er kommt sowohl bei Armutszielen (Target 1.5) zur Anwendung, aber auch bei den Zielen zur Städte- und Siedlungsentwicklung (Target 11.5) oder den Zielen zur Bekämpfung von Klimawandel (Target 13.1). Solche multi-purpose indicators werden also bereits vereinzelt aufgeführt. Aber angesichts der Gefahr einer Überforderung der statistischen Systeme muss die IAEG-SDGs die mögliche Anwendung weiterer derartiger Mehrzweckindikatoren überprüfen.

Messbarkeit der Entwicklungsziele ist fundamental

Das Vorgängerprogramm zu den SDG, die Millennium Development Goals (MDG), haben neben den inhaltlichen Erfolgen vor allem eine wichtige Erkenntnis gebracht: Statistische Daten sind ein unverzichtbares Element der Entwicklungsagenda. Verlässliche Daten bieten hierbei eine bedeutende Grundlage im Entscheidungsprozess rund um die Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele. In Kenia führte beispielsweise die statistische Erhebung der Schuleintrittszahlen zur Sichtbarmachung der Disparitäten im Bildungszugang zwischen den verschiedenen Regionen des Landes. Als Konsequenz wurden durch die Einführung von Schulernährungsprogrammen, günstigen Internatsschulen und mobilen Schulen konkrete politische Massnahmen ergriffen, um gegen die Ungleichheit beim Bildungszugang vorzugehen. Dies zeigt, wie wichtig die Datenverfügbarkeit im Hinblick auf die Umsetzung der Entwicklungsziele ist. Dementsprechend bedarf es eines starken politischen Bekenntnisses und einer signifikanten Erhöhung der Ressourcen um die Datennachfrage zu bewältigen, welche sich auch durch die SDG Indikatoren ergibt.

Ein Schlüsselfaktor um die Datenqualität im Rahmen der SDG zu sichern, wird die Festsetzung globaler Standards und die Schaffung eines integrierten statistischen Systems zur Überwachung des Fortschritts sein. Vor allen Dingen ist es nötig die Sicherstellung der Daten auf lokaler und nationaler Ebene so weit zu entwickeln, dass daraus globale und regionale Vergleichswerte geschaffen werden können. Dieses Vorhaben ist aber nur realisierbar, wenn sich die internationale Gemeinschaft bewusst wird, dass wesentliche Investitionen in die statistischen Kapazitäten erfolgen müssen, um die Umsetzung eines integrierten Frameworks von Indikatoren zu garantieren. Ein integriertes Framework berücksichtigt die Voraussetzungen der verschiedenen politischen Ebenen und bewirkt durch eine klare Formulierung der Indikatoren deren Anwendbarkeit auf lokaler, nationaler, regionaler und globaler Ebene. Was die bisherigen Treffen der IAEG-SDGs aber gezeigt haben, lässt Zweifel an der Machbarkeit eines derartigen Frameworks aufkommen. Zu gross scheint die Diskrepanz zwischen den fortgeschrittenen statistischen Systemen westlicher Staaten und den limitierten Möglichkeiten von Entwicklungs- und Schwellenländern und allzu oft fehlt der politische Wille diese Diskrepanz zu überwinden. Auch die Addis Abeba-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung im Juli 2015 verpasste die Chance, ein klares finanzielles Bekenntnis zur Stärkung der Datensysteme zu äussern. Dabei wäre dies genauso fundamental wie die inhaltliche Zielsetzung selbst, schliesslich werden nur jene Ziele in Angriff genommen, deren Erfolge sich auch messen lassen.

Massgebend für den Erfolg der SDG

Die Vereinten Nationen haben sich mit der Annahme der SDG ein äusserst ambitioniertes Programm gesetzt. Die Ausarbeitung der darin enthaltenen Ziele, so lobenswert diese auch sein mögen, stellt aber nicht das eigentliche Problem dar. Sollen die festgelegten Ziele auch Realität werden, müssen die dazu notwendigen Bemessungsgrundlagen verfügbar sein und bei der Erstellung der Indikatorenliste zwingend berücksichtigt werden. Jedes noch so hehre Ziel ist wertlos, wenn der Fortschritt seiner Verwirklichung nicht gemessen werden kann. Deshalb muss der Fokus nun auf die Schaffung der benötigten Datensysteme gelegt werden. Wenn aber die Priorität der statistischen Systeme und damit die Bedeutung der Indikatoren verkannt werden, laufen die SDG Gefahr ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.

Josef Marty (26) studiert Politikwissenschaft an der Universität Zürich und ist im foraus Programm für Umwelt, Energie & Verkehr aktiv.

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