Hausfrau gegen Einwanderer: Das Zaubermittel "Inländerpotential" wirkt nicht

Migration

Ein Glanzstück symbolischer Migrationspolitik: Um den Mangel an Fachkräften, der als Folge der Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative (MEI) eintreten wird, entgegenzuwirken, setzt der Bundesrat auf Massnahmen, um das inländische Arbeitskräftepotential besser auszuschöpfen. Doch der Glaube, damit die Migration zu reduzieren, ist illusorisch. 

Alle sind sich einig, von links bis rechts: jetzt muss die „unterbeschäftige“ Hausfrau in den Arbeitsmarkt integriert werden; ältere Arbeitnehmende sollen länger im Arbeitsprozess bleiben; die Jugend dort ausgebildet werden wo sie gebraucht wird. Sie alle sollen die Schweiz vor den unerwünschten Einwanderer retten. „Inländerpotential“ lautet das Zaubermittel. Nur hat das Alles einen Haken, und zwar einen grossen: Ein Arbeitsmarkt, der mit dem Rechenschieber funktioniert, existiert nicht. Aus politischer Opportunität werden makro-ökonomische Zusammenhänge vollkommen ignoriert.

Der Schweiz gehen die Arbeitskräfte aus

Gemäss dem Bundesamt für Statistik werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren die Arbeitnehmer auf dem Schweizer Arbeitsmarkt noch knapper vorhanden sein – nicht nur wegen der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative: die fortschreitende Alterung der Bevölkerung, die tiefe Geburtenrate, die steigende Beliebtheit von Teilzeitarbeit, das Bedürfnis nach guter Work-Life-Balance tragen ebenfalls dazu bei.

„Inländerpotential“, diese vermeintliche Zauberingredienz in der Suppe des politischen Opportunismus – man könnte sie auch Scharlatanerie nennen – ist aber gar nicht so neu: Die Fachkräfte-Initiative von Johann Schneider-Ammann wurde bereits im Jahre 2011 gestartet um dem bereits damals sich verschärfenden Fachkräftemangel auf dem heimischen Arbeitsmarkt zu begegnen. Vergessen geht dabei, dass gerade in der Schweiz dieses Potential im internationalen Vergleich am tiefsten ist, hat doch die Schweiz die höchste Beschäftigungsquote weltweit. Und selbst wenn das noch vorhandene Potential ausgeschöpft wird, so wird es dennoch nicht den gewünschten Effekt auf die Zuwanderung haben: Migration hat insgesamt keinen negativen Verdrängungseffekt auf den inländischen Arbeitsmarkt. Und deshalb werden auch umgekehrt keine Schweizerinnen den potentiellen Migranten die Jobs wegnehmen.

Beschäftigung schafft Beschäftigung

Migranten stellen meist keinen Ersatz, sondern eine Ergänzung im einheimischen Arbeitsmarkt dar und erhöhen so die inländische Beschäftigung. In einer wachsenden Wirtschaft steigt die Beschäftigung und damit auch die Anzahl Arbeitsplätze: Wachstum schafft zusätzliches Einkommen, das für zusätzliche Güter und Dienstleistungen ausgegeben wird, die durch zusätzliche Arbeitskräfte produziert werden müssen. Als die Frauen in den 60er- und 70er-Jahren vermehrt wieder Arbeit suchten, hatte auch kein Mann Angst, vom Arbeitsmarkt verdrängt zu werden. Sondern das Volumen des Arbeitsmarkts wurde erhöht und gleichzeitig Produktivität und Wachstum angekurbelt.

Hinzu kommt, dass die neu in den Arbeitsmarkt integrierten Arbeitnehmer, an anderen Orten fehlen. Wie von Bundesrat Schneider-Ammann vorgeschlagen, werden mehr Ausbildungsplätze in der Medizin geschaffen, nur werden die neuen Mediziner nicht einfach so aus dem Boden wachsen: sie werden Mediziner statt Grafiker, Techniker, Anwalt oder Koch. Statt den  Arbeitnehmermangel zu beseitigen, verteilt er sich einfach auf andere Branchen. Damit eine Hausfrau oder ein Hausmann arbeiten geht, braucht es mindestens eine Person die den Haushalt stattdessen erledigt, Kinder müssten versorgt werden, Krippenplätze müssten geschaffen und somit dort auch wieder mehr Personal eingestellt werden.

Weit verbreiteter Irrglaube

Durch das höhere Einkommen, wird der Konsum der jeweiligen Person angekurbelt. Der erhöhte Konsum, sei es jeden Tag ein Menu mehr im Restaurant, einmal mehr Skiurlaub pro Jahr oder ein Fitness-Abo, muss auch von jemandem mit Angebot ausgeglichen werden. Somit zeigt sich das eigentliche Problem der Wunderlösung – die Labour Lump Fallacy. Die Labour Lump Fallacy ist ein weit verbreiteter Irrglauben, die Menge an Arbeit in einem Land sei gegeben. In Wirklichkeit zieht in einem dynamischen Arbeitsmarkt Beschäftigung weitere Beschäftigung nach sich. Mit anderen Worten: Beschäftigung schafft Beschäftigung, ein Job kommt selten alleine.

Diese Erkenntnisse sind eine ökonomische Binsenwahrheit. Umso erstaunlicher ist es, dass Behörden und Parteien diese Zusammenhänge nicht wahrnehmen. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass diese seit langem geplanten Massnahmen gelegen kamen, um unter dem neuen Anstrich der Zuwanderungsbremse der Öffentlichkeit zu vermitteln, die Regierung sei darum bemüht und in der Lage, die Zuwanderung zu reduzieren. Dieses Mal kommt immerhin niemand direkt zu schaden, doch einer ehrlichen Migrationsdebatte ebnet es nicht den Weg.
Philipp Lutz ist Senior Policy Fellow Migration bei foraus und leitet dort das Programm Migration. Er doktoriert in Vergleichender Politikwissenschaft an der Universität Bern.

Victoria Popova studiert im  Master an der ZHAW Public and Non-Profit Management und ist foraus-Miglied der Migrations- und Europagruppe. 

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