Gerhard Pfister Superchrist?

Migration

Niklas Zimmermann – Der designierte CVP-Präsident Gerhard Pfister möchte nur noch Christen als Flüchtlinge aufnehmen. Dumm nur, dass selektive Scheinsolidarität nicht nur dem Wirken der Kirchen, sondern auch dem christlichen Geist selbst widerspricht.

Herzlich wenig verbindet Robert Fico und Gerhard Pfister auf den ersten Blick: Der Eine ist Ex-KP-Mitglied (als es nur eine Partei gab) und sozialdemokratischer Ministerpräsident der Slowakei, der Andere ein auf seine katholische Prägung stolzer CVP-Politiker aus dem Kanton Zug. Den beiden Herren gemein ist aber die Forderung, ihre Länder sollten möglichst nur noch christliche Flüchtlinge aufnehmen. Pfister begründet, dass „Christen, Frauen und Kinder“ besonders gefährdet seien und daher eine Präferenz genössen. Fico gab zunächst den Einfühlsamen: Muslime würden sich „nicht heimisch fühlen“, da es in der Slowakei keine Moscheen gäbe. Nach den Ereignissen von Paris und Köln war aber plötzlich nur noch von potenziellen Terroristen und Vergewaltigern die Rede.

Zynisch und gefährlich

Unbestreitbar ist, dass im Nahen Osten auch Christen verfolgt werden und dass spezifisch gegen „Ungläubige“ gerichtete Gewalt existiert. Doch im Wissen, dass es grossmehrheitlich Muslime sind, die vor dem Despoten Assad und dem Terrorstaat IS fliehen, ist es zynisch, die Hilfsbereitschaft auf eine willkürlich gewählte Gruppe zu beschränken: Ein wohltätiges Mäntelchen wird um die Absicht gelegt, so wenig Flüchtlinge wie nur möglich aufzunehmen. Die selektive Scheinsolidarität ist zudem brandgefährlich: Wenn sich bei Flüchtlingen, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit abgewiesenen werden, der Frust anstaut, ist der Weg zur Radikalisierung und zum kollektiven Hass nicht mehr weit.

Christen aufgeklärter als ihre „Verteidiger“

Zum Glück haben die scheinheiligen Kreuzritter die Rechnung ohne die Schäfchen und ihre Hirten gemacht: So gibt es unzählige Pfarreien und Kirchgemeinden, welche ihre Räumlichkeiten für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung gestellt haben. Und selbst in den Bischofssitz des Bistums Basel sind Muslime und Christen aus Syrien und Eritrea eingezogen. „Die Bibel erinnere uns daran, dass Gott Frau und Mann nach seinem Bilde geschaffen hat, ungeachtet ihrer Religion oder Herkunft“, sagt Gottfried Locher vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund. Und mit Papst Franziskus wendet sich der höchste katholische Würdenträger gegen kurzsichtige Abschottungspolitik, indem er sagt: „Sie wissen doch, welches Ende Mauern nehmen: Alle Mauern stürzen ein! Heute, morgen oder nach hundert Jahren stürzen sie ein. Die Mauer ist keine Lösung.“ Zudem ist es Kern des Selbstverständnisses der „Katholizität“, dass Kirche durch Migration überhaupt erst entstanden ist und dass die Völker- und Sprachenvielfalt eine heilsgeschichtliche Vorwegnahme einer «neuen Menschheit» sei.

Herr Pfister, spielen Sie mit offenen Karten!

Welches Verständnis des Christseins der künftige CVP-Präsident Gerhard Pfister vertritt, muss er selbst wissen. Es ist in einem aufgeklärten Staat mit Religionsfreiheit auch seine Privatsache. Pfister aber wäre gut beraten, offen zu seiner harten Linie in der Migrationspolitik zu stehen – und keinen Missbrauch der eigenen wie fremden Religion zu betreiben. Denn wenn dieser diskursive Religionsmissbrauch Schule macht, ist auch hierzulande der über Jahrhunderte mühsam errungene Religionsfrieden gefährdet.

Niklas Zimmermann ist seit Januar 2016 Doktorand am Graduiertenkolleg „Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhundert“ der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuvor war er als freischaffender Journalist in Bern tätig und hat Zeitgeschichte und Osteuropastudien an der Universität Fribourg studiert.
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