Frischer Wind oder Sturm über Kosovo? Teil 1: Die Sensation

Europa

Die Siegerkoalition ist nicht die eigentliche Gewinnerin, und die Kriegsfürsten sind nicht die eigentlichen Rebellen. Die vorgezogenen Parlamentswahlen vom 11. Juni haben Kosovo auf den Kopf gestellt. Zumindest was das Wahlresultat angeht. Wie daraus im nächsten Schritt eine Regierung entstehen soll, scheint noch niemand zu wissen, und was das für die Region heisst, daran will wohl noch keiner denken.

Tränengas, Schlamm, Eier und Sprengkörper. Kein Fussballmatch – sondern Politik in Kosovo. Parlamentarier und Premier, sowie das Gebäude, in dem sie politisieren, kamen während des vergangenen Jahres oft unter Beschuss, sprichwörtlich. Zankäpfel: die Unterzeichnung des Grenzabkommens mit Montenegro und das Abkommen über den Zusammenschluss serbischer Mehrheitsgemeinden in Kosovo. Letzteres ausgehandelt als Teil des Dialogs zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Serbien und Kosovo, unter der Vermittlung durch Brüssel. Resultat: monatelanger Stillstand. Im Mai 2017 folgt darauf der Sturz der Regierung unter Premierminister Isa Mustafa (LDK) und somit vorerst das Ende der regierenden Koalition aus der konservativen LDK und Mitte-rechts- Partei PDK.

Doch der eigentliche Knall – ganz ohne Wurfgeschosse – folgte erst mit dem Wahlresultat. Fast ein Drittel der Stimmen für Vetevendosje (VV), die Aussenseiter, die Opposition, die linksnationalistische Partei von Albin Kurti und diejenige Partei, die ohne Koalitionspartner angetreten war. Die bis anhin regierenden Parteien mit ihren opportunistisch geschmiedeten Koalitionen, wurden dagegen regelrecht vorgeführt mit ihren Wahlresultaten.

Was besonders unter jungen Leuten als kaum mehr möglich gegolten hatte, scheint nun plötzlich wieder Gestalt anzunehmen: Hoffnung auf Wandel. «Seit langem, vielleicht zum ersten Mal seit dem Tod von Ibrahim Rugova, bin ich optimistisch, dass sich etwas verändern wird», sagt ein junger Mann, der Kosovo vor rund zwei Jahren den Rücken gekehrt hat. Die Gier der Elite und die damit verknüpfte Arbeits- und Perspektivlosigkeit jener, die nicht zu den Günstlingen der Elite gehören, ist gross in Kosovo.

Die alte Garde muss weg

«Die Leute hatten genug von der Korruption und Clanherrschaft im Land», erklärt sich der Luftfahrtexperte* die dramatischen Verluste der Siegerkoalition, der sogenannten PAN-Koalition. PAN steht für PDK, AAK, NISMA und über 10 weitere kleinere Parteien. Kriegskoalition, Extremisten, Radikale, Warlords liest man in Zeitungstiteln über die Sieger der jüngsten Parlamentswahlen in Kosovo. Mit Namen heissen die führenden Köpfe dieser mutmasslichen Zwecksheirat Kadri Veseli, Ramush Haradinaj und Fatmir Limaj. Alle haben eine Vergangenheit bei der UCK, Haradinaj und Limaj standen bereits in den Haag vor dem Tribunal und gelten bei vielen weiterhin als Kriegshelden und Befreier. Zeugeneinschüchterungen, die in den schlimmsten Fällen erst mit dem Tod der Zeugen endeten, hin oder her. Und doch: Die Koalition mit über 10 anderen Parteien brachte den UCK-Herren nur gerade rund so viele Stimmen ein, wie 2014 die PDK alleine auf sich hatte vereinen können.

Und auch bei der sogenannten LAA-Koalition aus LDK, AKR und Alternativa, endete die Wahl in einem Debakel. «Das war die Strafe dafür, dass die LDK Rugova’s Namen missbraucht und seine Werte verraten hat», sagt der Künstler*. In die gleiche Kerbe schlägt der Supermarktmitarbeiter*: «Ich stamme aus der Generation von Rugova. Rugova war immer fähig, mit allen zusammen zu arbeiten. Er war offen, er war ein ehrlicher Akademiker.» Auch Isa sei Akademiker und sollte doch wissen, wie man Reformen vorantreibe. Stattdessen herrsche Stillstand. «Er sollte der jungen Generation die Hand geben, doch er ignoriert sie.»

Die Hand zu den Jungen ausgestreckt hat dafür VV. Tag und Nacht hätten AktivistInnen über alle erdenklichen Netzwerke – online und offline – mobilisiert, faktenbasiert die Erfolge der Partei belegt und verbreitet, erzählt der Künstler*, der den Facebook-Aktivitäten der Partei folgt. Das habe Vertrauen entstehen lassen. Das Phänomen Albin Kurti erklärt er so: «Er ist Aktivist, er ist glaubwürdig, er bewegt und ist Teil einer richtigen Bewegung.» VV nenne alle unangenehmen Dinge beim Namen, das schärfe das Bewusstsein bei den Jungen. Kurti biete den Leuten logische Gründe und Argumente an, sei offen und nahe beim Volk, findet der Supermarktmitarbeiter*.

Und das Volk, welches VV überzeugen konnte, stammt aus Gebieten, in denen die Wählerinnen und Wähler ansonsten beinahe blind den Parteien der grossen ehemaligen Kriegsherren gefolgt waren. Das alleine ist eine Sensation an sich.

Doch wie stehen die Chancen, dass Albin Kurti und seine rebellischen ParteigenossInnen Teil der Regierung werden?

Mehr dazu am Samstag in «Frischer Wind oder Sturm über Kosovo? Teil 2: Fahrt ins Ungewisse»

*Für diese beiden Blogbeiträge hat Aleksandra Hiltmann mit drei Albanern in der Schweiz gesprochen: einem Künstler, einem Luftfahrtexperten und einem Supermarktmitarbeiter. Sie sind zwischen 27 und 50 Jahre alt. Der Künstler lebt seit zwei Jahren in der Schweiz, der Luftfahrtexperte ist hier aufgewachsen, und der Supermarktmitarbeiter ist vor ungefähr 20 Jahren als politischer Flüchtling in die Schweiz gekommen. Es ist Zufall, dass keine Frau unter den Befragten ist – die Zeit war knapp.