Biodiversitätsschutz – Schweiz im Hintertreffen

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Der Zustand der Biodiversität global und in der Schweiz ist schlecht. Zahlreiche Bestrebungen zur Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt gehen zwar in die richtige Richtung, umfassendes und entschiedenes Handeln fehlt jedoch bisher.

Biodiversität unter Druck

Erst im Sommer 2017 veröffentlichte das BAFU seinen neusten Bericht zum Zustand und zur Entwicklung der Biodiversität in der Schweiz. Die Fakten sind alarmierend: Ein Drittel aller untersuchten Tier- und Pflanzenarten und die Hälfte aller Lebensräume sind bedroht. Grund für den kläglichen Zustand der Biodiversität ist das Zusammenwirken mehrerer Faktoren, namentlich der intensiven Landwirtschaft und des wachsenden Flächenbedarfs für Siedlungen und Infrastrukturen. Immer bedeutender wird aber auch der Druck, der von invasiven Arten, von Mikroverunreinigungen oder von Klimaveränderungen ausgeht.

Auch global ist die natürliche Vielfalt stark zurückgegangen. Die Schweiz ist für die Umweltverschmutzung und den Biodiversitätsverlust im Ausland mitverantwortlich, u.a. durch den Konsum von Importprodukten. Beispielsweise die hohe Nachfrage nach Lebensmitteln, die Palmöl enthalten, erhöht den Druck in den Herstellungsländern, nur noch Palmöl in nicht nachhaltigen Monokulturen zu produzieren und in vielen Fällen Regenwald dafür abzuholzen.

Zahlreiche Schutzinstrumente

Der schlechte Zustand der Biodiversität ist verwunderlich angesichts der zahlreichen Regelwerke und Initiativen, die den Biodiversitätsschutz zum Ziel haben. Das wichtigste internationale Abkommen, das Übereinkommen über die Biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD), welches für die Schweiz 1995 in Kraft trat, verpflichtet seine Vertragsstaaten, eigenständige nationale Strategien und Aktionspläne zu entwickeln. Daneben besteht ein multilaterales System aus verschiedenen globalen und regionalen Abkommen, welche auch die Schweiz ratifiziert hat, beispielsweise das Ramsar-Übereinkommen über Feuchtgebiete oder die Berner Konvention zur Erhaltung der europäischen wild lebenden Pflanzen und Tiere und ihrer Lebensräume. Der Biodiversitätsschutz wurde zudem in den Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals, SDG) verankert und damit als zentrale Aufgabe für alle Staaten anerkannt. Ziel 14 (Leben unter dem Wasser) und Ziel 15 (Leben an Land) zielen dabei direkt auf den Biodiversitätsschutz ab.

Kein Musterknabe mehr im Naturschutz

Die Schweiz war lange Vorreiterin beim Natur- und Umweltschutz. Der 1914 eröffnete Nationalpark im Unterengadin gehörte zu den ersten in Europa und auch im Gewässerschutz schritt die Schweiz voran. Und mit der früh eingeführten Natur- und Umweltschutzgesetzgebung verfügt die Schweiz heute über ein sehr gutes und umfassendes Regelwerk mit direkten Schutzbestimmungen zugunsten der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt.

Die Schweiz ist in den letzten Jahren im Natur- und Umweltschutz jedoch zunehmend ins Hintertreffen geraten. So kritisierte die OECD in ihrem kürzlich erschienenen Umweltprüfbericht 2017 beispielsweise, dass die Schweiz europäisches Schlusslicht bei den Schutzgebieten ist. In der Schweiz stehen nämlich nur 6,2 Prozent der Landesfläche unter Schutz – sie ist damit weit entfernt vom Ziel der Biodiversitätskonvention, bis 2020 17% der Landesfläche unter Schutz zu stellen. Nachvollziehbar ist denn auch die Aussage der OECD, dass die Schweiz zu den OECD-Ländern mit den höchsten Anteilen an gefährdeten Arten zählt.

Ausserdem dauerte es zwölf Jahre, bis die Schweiz 2012 – als eine der letzten Staaten – ihre nationale Biodiversitätsstrategie verabschiedet hat. Mit dreieinhalb Jahren Verspätung beschloss der Bundesrat im September 2017 schliesslich seinen dazugehörigen Aktionsplan Biodiversität. Letzterer ist aber wenig ambitiös und weist bedeutende Lücken auf, z.B. fehlen Massnahmen für die Sektoren Energie, Jagd und Fischerei sowie für Tourismus, Sport und Freizeit.

Höchste Zeit zu handeln!

Die verbleibenden grünen Wiesen trügen also. Die immer gleichen Allerweltsarten ersetzen zunehmend spezialisierte Artengemeinschaften. Ein homogenes Bild statt prächtiger Vielfalt. Der schleichende Verlust macht die Dringlichkeit nicht direkt sichtbar. Doch der Handlungsbedarf ist gross.

Die Schweiz ist somit im In- und Ausland gefordert. So sollte sie endlich 17% ihrer Landesfläche für den Schutz der Biodiversität ausscheiden. Beim Abschluss von Freihandelsabkommen sollte die Schweiz die Auswirkungen auf die Biodiversität mitberücksichtigen – beispielsweise bei den aktuellen Verhandlungen mit Indonesien, wo eine Zollreduktion auf Palmöl diskutiert wird. Nur mit einem umfassenden, entschiedenen und kohärenten Handeln der Politik kann die Schweiz ihren Rückstand in Sachen Biodiversitätsschutz aufholen.