Auch Eltern handeln ökonomisch: Lohnt sich Bildung, sinkt die Geburtenrate

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Von Lukas Kindler– Die Geburtenraten einzelner Staaten unterscheiden sich wesentlich. In hochentwickelten Ländern haben Eltern heute durchschnittlich nur noch 1-2 Kinder. Warum eigentlich?

Blogreihe zur Ecopop-Initiative

Dieser Beitrag ist Teil einer Blogreihe zur bevorstehenden Volksabstimmung über die Ecopop-Initiative. Diese Blogreihe analysiert im Hinblick auf den 30. November das Argumentarium der Initianten und reflektiert über potentielle Folgen einer Annahme der Initiative.

Eines der Hauptargumente der Malthusianer ist, dass bei steigendem Einkommen die Bevölkerung exponentiell zunimmt. Wer sich mehr Kinder leisten kann, hat auch mehr Kinder. Malthusianer, und das zeigte u.a. der Ökonom Gary S. Becker, vernachlässigen in der Analyse des Bevölkerungswachstums sowohl den technologischen Fortschritt als auch die Wirkung des Humankapitals auf Entscheidungen bezüglich der Familiengrösse. Im Folgenden wird kurz auf die Verbindung zwischen Humankapital und Bevölkerungswachstum eingegangen und gezeigt, dass die Entscheidung über die Grösse der Familie auch davon abhängig ist, ob es sich lohnt, in die Bildung des Kindes zu investieren.

Rentiert Bildung, nimmt die Familiengrösse ab

„Mein Kind soll es besser haben als ich“, ist ein häufiger Wunsch und dabei scheuen viele Eltern weder Kosten noch Mühen. Diese fallen aber je nach ökonomischer Situation unterschiedlich aus und beeinflussen die Entscheidung über die Familiengrösse wesentlich. Entscheidend hierfür ist die Bildungsrendite, welche die Investitionen in die Bildung mit dem Mehrwert, der durch die Bildung generiert wurde, in ein Verhältnis setzt. Ist die Bildungsrendite niedrig, ist eine grössere Anzahl Kinder vorteilhaft. Ist sie hingegen hoch, so haben Eltern einen grösseren Anreiz, die Investitionen pro Kopf zu erhöhen, d.h. in die Bildung ihres Kindes zu investieren und dadurch die gesamte Anzahl der Kinder zu senken.

Dies tönt zwar kompliziert, ist aber intuitiv einleuchtend: Wird eine Tochter beispielsweise in einem Land mit einem ausgeprägten Landwirtschaftssektor zur Ingenieurin ausgebildet, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann eine erfolgreiche Ingenieurin wird, eher klein. Die Tochter findet keine guten Schulen und hat nur wenige Möglichkeiten, ihr Humankapital, sprich ihre Fähigkeit als Ingenieurin, irgendwo einsetzen zu können, da nur ein sehr kleiner Markt dafür existiert. Der erwartete Lohn als Ingenieurin, sofern sie überhaupt eine Arbeitsstelle findet, liegt in diesem Fall in keinem Verhältnis zu den Investitionen. Für die Eltern ist es in diesem Fall attraktiver, wenn sie ihr Kapital in eine grössere Anzahl von Kindern investieren. Sobald die Kinder erwachsen werden, sind sie zwar aufgrund der geringen Bildung nicht sehr produktiv, da aber jeder ein bisschen zum Einkommen beiträgt, können die Lebensgrundlagen der Familie erhalten bleiben.

Anders sieht es aus, wenn die Bildungsrendite hoch ist, wenn also bereits gute Bildungsmöglichkeiten existieren und ein funktionierender Arbeitsmarkt für Ausbildungsabgänger besteht. Für die Eltern macht es nun Sinn, möglichst viel in wenige Kinder zu investieren. Im Beispiel der Tochter, welche Ingenieurin werden möchte, ist es für die Eltern attraktiv, die Tochter auf Schulen zu schicken, in denen sie zur Ingenieurin ausgebildet wird, da Märkte für gut ausgebildete Ingenieurinnen in unmittelbarer Nähe existieren und das Humankapital der Tochter nachgefragt wird. Die Investitionen in das Humankapital der Tochter sind zwar hoch, jedoch sinnvoll, da die Wahrscheinlichkeit, dass die Tochter eine passende Arbeitsstelle findet, hoch ist und sich die Investitionen deshalb lohnen. Da es attraktiver ist, mehr in wenige Kinder zu investieren, als wenig in viele Kinder, wählen Eltern eine eher kleine Familiengrösse mit hohen Investitionen in die einzelnen Kinder.

Schulkinder in Cochin, Indien: Will eines dieser Kinder einen bildungsintensiven Beruf erlernen,
muss sich die harte Ausbildung auch lohnen. (Quelle: Commons Wikimedia)

Um die Lebensgrundlagen der nächsten Generation zu erhalten, ist es deshalb nicht in erster Linie nötig, das Bevölkerungswachstum zu reduzieren. Vielmehr soll die Politik Möglichkeiten schaffen. Dies beinhaltet beispielsweise einen einfachen Zugang zu Bildung und die Ausgestaltung eines Arbeitsmarkts, in dem Bildung honoriert wird.

Lukas Kindler (26) hat in Bern, Stellenbosch und Toulouse Ökonomie und Politik studiert. Er ist seit 2012 Mitglied von foraus.

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