«Artificial Intelligence» auf dem Vormarsch

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Pascal Oberholzer – Im März letzten Jahres gewann die Software AlphaGo 4:1 gegen einen der besten menschlichen Go-Spieler der Welt, Lee Sedol. Dies ziemlich genau 20 Jahre nachdem Garri Kasparow erstmals eine Schachpartie gegen einen Computer verloren hatte. «Artifical Intelligence» ist indes mehr als blosse Spielerei, sondern wirft fundamentale gesellschaftliche Fragen auf.

Auf den ersten Blick scheint AlphaGo nur eine Spielerei zu sein, der Sieg einer künstlichen Intelligenz gegen einen Menschen in einem Brettspiel unbedeutend. Doch das Beispiel zeigt eindrücklich, dass Maschinen nicht nur das Potential haben in Geschwindigkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit beim Lösen bekannter Probleme dem Menschen überlegen zu sein. Vielmehr können sie durch maschinelles Lernen auch eigenständig neue Strategien entwickeln und so mit neuen Problem umgehen und «kreativ» sein. Vieles davon dürfte noch Zukunftsmusik sein, dennoch ist es nur eine Frage der Zeit, bis Maschinen nicht nur motorische Fertigkeiten ersetzen, sondern auch intellektuelle Fähigkeiten. Somit wird das Was Maschinen ersetzen können, immer mehr zu einem Wann sie es ersetzen können. Die bevorstehende Revolution durch die künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt und auch die gesamte Gesellschaft völlig verändern. Die Zeit bis dahin sollte deshalb genutzt werden, sich als Gesellschaft auf diese Veränderungen vorzubereiten und sich bereits jetzt wichtige, absehbare Fragen stellen, insbesondere in rechtlicher und ethischer Hinsicht.

1. Wer trägt die Verantwortung für die Entscheidungen/Handlungen einer Software?

Bei herkömmlichen Programmen gibt der Entwickler der Software eindeutig vor, was diese tut. So können auch mögliche Fehler auf diesen zurückgeführt werden. Bei einer künstlichen Intelligenz, deren neurale Netzwerke mit maschinellem Lernen arbeiten, kann die Maschine jedoch zu eigenständigen Entscheidungen kommen. Da der Entwickler keine vollständige Kontrolle mehr hat, ist es schwierig diesen zur Rechenschaft zu ziehen. Es braucht deshalb eine neue Gesetzgebung, die sich diesem Problem annimmt und die Verantwortlichkeit klärt.

2. Welche Aufgaben möchte man Maschinen überlassen und welche nicht?

Bis jetzt hat die Automatisierung erst die Industrie wirklich erfasst, wobei der Einsatz von Maschinen per se dabei unumstritten ist. Bei den wenigsten Produkten stören sich die Kunden daran, dass sie von Maschinen hergestellt werden. Wenn doch, handelt es sich meist nur um Luxusgüter bei denen «Handarbeit» gar als Verkaufsargument angepriesen wird. Doch wie sieht es bei Dienstleistungen aus? Vertrauen wir einer automatisch erstellten gesundheitlichen Diagnose oder Anlageberatung? Lassen wir uns von einer Maschine ausbilden, pflegen oder gar von ihr richten? Denn in dieser Funktion übernimmt die Maschine gewissermassen die Kontrolle und übt Macht über uns aus, anstatt uns bloss Arbeit abzunehmen. Dies tut die Maschine indirekt, indem sie die Informationen bestimmt, nach denen wir handeln oder ganz direkt, indem sie uns Anweisungen gibt oder wir von ihr abhängig sind. Dabei geht es nicht einmal darum zu diskutieren, ob die Maschine eine bestimmte Aufgabe besser oder schlechter erledigen kann als ein Mensch, sondern darum ob wir dies überhaupt wollen. Beispielsweise wäre jeder Bürger viel «gleicher» vor dem Gesetz, würde eine künstliche Intelligenz auf dem Richtstuhl sitzen, deren Gnade oder Härte nicht von subjektiven Faktoren abhängt. Doch würde der Mensch es akzeptieren von einer Maschine gerichtet werden? Auch in der Pflege könnte eine Maschine eines Tages technisch gesehen wohl viele Funktionen übernehmen. Doch können sie auch den sozialen Kontakt ersetzen? Die Gesellschaft muss deshalb einen Grundsatzentscheid fällen, was sie als ethisch vertretbar erachtet.

3. Was macht der Mensch in einer automatisierten Gesellschaft?

In einer Gesellschaft, in der die allermeisten Produkte und Dienstleistungen von Maschinen hergestellt bzw. erbracht werden, fallen viele Berufsgruppen weg. Es werden immer weniger Personen gebraucht um gleich viele oder mehr Güter oder Dienstleistungen bereitzustellen. Bis anhin wurde dies durch neue Berufe und durch die gestiegene Gesamtproduktion kompensiert. Doch ob diese Entwicklung sich immer so fortsetzen wird, ist fraglich. Konzentriert sich die Wirtschaftsleistung auf immer weniger Personen, nehmen auch die Einkommensunterschiede zu und durch verbreitete Arbeitslosigkeit werden mehr Personen von Armut betroffen sein. Dadurch, dass viele Menschen keiner Arbeit mehr nachgehen würden, hätten diese jedoch auch wieder mehr Zeit ihre Kinder zu erziehen oder Pflegebedürftigen in ihrem Umfeld zu helfen. Dies würde nach einem neuen Gesellschaftsmodell verlangen. Ideen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen oder andere Verteilungsmechanismen müssten unter diesen neuen Vorzeichen wieder diskutiert werden.

Wie auch immer eine mögliche Gesetzgebung aussehen wird und was auch immer die Gesellschaft als ethisch erachtet, es wäre von Vorteil sich darüber im Klaren zu sein, bevor die technische Entwicklung uns vor Tatsachen stellt. Da der Erfolg des maschinellen Lernens zu einem grossen Teil von den Daten abhängt, mit denen man es trainieren lässt, sollte man sich gut überlegen, welche Daten man als Gesellschaft offenlegen will. Wieviel Freiheit und Privatsphäre möchte man für Wohlstandsgewinne und Bequemlichkeit hergeben? In welchen Bereichen ist es unbedenklich und wo sollte man es hinterfragen?

Pascal Oberholzer studiert Materialwissenschaften an der ETH Zürich und interessiert sich insbesondere für die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technologie und der Gesellschaft.