Vision Finanzplatz 2030

Für einen global ausgerichteten Schweizer Finanzplatz

Auch wenn in finanzieller Hinsicht die schlimmste Krisenzeit überstanden sein mag, sieht sich der Schweizer Finanzplatz von verschiedenen Seiten mit vielfältigen Problemen konfrontiert: Bankgeheimnis, internationale Regulierungen, Sorgen um den Marktzugang in Europa, und die Bewältigung von vergangenen Verfehlungen. Die Akteure (Regulatoren, Aufsicht und Finanzdienstleister) reagieren auf diese Problemanhäufung denkbar unproduktiv: mit Abwehrhaltung und Rückzugsgefechten, Denkverboten, inkompatiblen Lösungsvorschlägen und fehlender Weitsicht. Der Hauptgrund dafür ist die Konzeptlosigkeit des Schweizer Finanzplatzes: Die Frage, wie der Finanzplatz langfristig ausgestaltet sein soll, ist unbeantwortet. Dafür ist nicht zuletzt die mangelhafte Verständigung zwischen den verschiedenen Akteuren verantwortlich.

Anlass zur Studie: Mit dieser Studie wollen wir den Anstoss zur Überwindung dieser Konzeptlosigkeit geben, indem wir die Frage nach der langfristigen Ausgestaltung des Schweizer Finanzplatzes in den Fokus stellen: Wir präsentieren eine Vision für einen erfolgreichen Finanzplatz im Jahr 2030, zukünftige Erfolgsfaktoren sowie konkrete Massnahmen. Wir nehmen das Jahr 2030 als symbolischen Zeithorizont, der für die langfristige Perspektive und eine neue Generation von Finanzplatzakteuren steht. Daher ist der Charakter der Studie auch nicht als detaillierte Roadmap für aktuelle Problemstellungen zu verstehen, sondern als ein Vehikel, um Denkverbote aufzubrechen und langfristige Ideenimpulse zu geben. Der Fokus liegt auf langfristigen Lösungsansätzen.

Unsere Studie basiert auf der Analyse von historischen Erfolgsfaktoren, gegenwärtigen Herausforderungen und künftigen Trends. Eigentliches Kernstück unserer Recherche waren vertraulich geführte Interviews mit 37 Expertinnen und Experten aus Banken, Universitäten, Politik, Verwaltung und Medien. Der klare Konsens dieser Gespräche ist ein Wunsch nach einem langfristig international aufgestellten Finanzplatz. Dennoch herrschte grosse Uneinigkeit darüber, ob die Chance besteht, dieses Ziel wirklich zu erreichen. Einig waren sich allerdings alle bei Folgendem: Wenn sich der Schweizer Finanzplatz langfristig international ausrichten und erfolgreich behaupten will, müssen jetzt entsprechende Strategien erarbeitet und Massnahmen ergriffen werden. Die Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 hat grosse regulatorische Veränderungen eingeleitet. Nachdem in den Bereichen Systemstabilität und Integrität vielversprechende Massnahmen eingeleitet und umgesetzt worden sind, ist jetzt der Zeitpunkt ideal, weitere Schritte im Bereich der Wettbewerbsfähigkeit zu unternehmen, damit der Finanzplatz Schweiz auch künftig international eine wichtige Rolle spielen kann.

Im Bestreben, zwischen den Standpunkten der verschiedenen Akteure zu vermitteln, haben wir folgende Vision für die langfristige Zukunft des Schweizer Finanzplatzes entwickelt: Die Schweiz hat auch im Jahr 2030 einen erfolgreichen global ausgerichteten Finanzplatz, der sich als Zentrum für nationale und grenzüberschreitende Vermögensverwaltung und Investitionsdrehscheibe positioniert und über eine breit diversifizierte und international vernetzte Finanzplatzinfrastruktur verfügt.

Im Einzelnen heisst das: Im Fokus steht ein florierendes internationales Zentrum für die Vermögensverwaltung von privaten und institutionellen Kunden; es orientiert sich an traditionellen Werten des Schweizer Bankwesens wie Zuverlässigkeit, Vertrauen, Professionalität, Bescheidenheit und nachhaltigem Gewinnstreben. Neben anderen Bankdienstleistungen agiert der Finanzplatz auch als globale Drehscheibe von nationalen und grenzüberschreitenden Investitionsvehikeln und Finanzaktivitäten. Die Finanzplatzinfrastruktur stellt hierfür ein breit diversifiziertes und international vernetztes Grundgerüst zur Verfügung.

Wir haben sechs Erfolgsfaktoren herausgearbeitet, die den Akteuren als strategische Stossrichtung für die Erreichung dieser Vision dienen können. Zunächst muss die derzeitige mangelnde Verständigung unter den Akteuren des Finanzplatzes überwunden und ein kooperativer Modus operandi gefunden werden. Weiter braucht es stabile Rahmenbedingungen als Grundlage für die restlichen Erfolgsfaktoren: Internationale Akzeptanz, konstruktive Regulierung, eine vielfältige Finanzplatzinfrastruktur und kundenorientierte Dienstleistungen.

Somit entsteht grafisch ein Prozess, der den Modus der konstruktiven Zusammenarbeit unter den Finanzplatzakteuren als ersten Erfolgsfaktor zum Ausgangspunkt nimmt. Entlang von fünf weiteren Erfolgsfaktoren sollen die strategischen Stossrichtungen aufgezeigt werden, um die Vision Finanzplatz 2030 zu erreichen.

Für jeden dieser sechs Erfolgsfaktoren haben wir mehrere Handlungsempfehlungen entwickelt (für eine vollständige Auflistung vgl. das Fazit, S. 50 ff.). Hier eine Auswahl der wichtigsten Massnahmen:

Für die kollektive Erarbeitung von Strategien und Massnahmen sind funktionierende Austauschgremien wichtig. Die Expertengruppe Brunetti legt ihrer weiteren Arbeit eine von allen Akteuren akzeptierte Vision für die zukünftige Ausrichtung des Finanzplatzes zugrunde und erarbeitet auf dieser Basis konkrete Massnahmen. Zudem sollte die regulatorische Entwicklung von einem neuen Gremium aus Behörden- und Branchenvertretern beobachtet werden, um eine möglichst von allen Seiten konstruktive Regulierung langfristig etablieren zu können. Um die Verständigung bei konkreten Massnahmen bezüglich Regulierung und Aufsicht zu verbessern, sollte eine Plattform eingerichtet werden, auf der sich die Fachkräfte gegenseitig über technische Details informieren und in direkten Kontakt mit Experten aus Praxis und Wissenschaft treten können – wir empfehlen, dafür eine E-Sharecommunity einzurichten. Zudem sollte der allgemeine Austausch unter den Akteuren mittels gemeinsamer Weiterbildungs- und Jobrotationsprogrammen verbessert werden.

Politik und Behörden können die internationale Akzeptanz des Finanzplatzes erhöhen, indem sie non-konforme Schweizer Regulierung überdenken, insbesondere die Selbstregulierung. Überhaupt sollte die Schweiz vorangehen und mit einem grossangelegten Gesetzesprojekt (Finlex) den Schweizerischen Rechtsrahmen an international vereinbarte Empfehlungen (vor allem der OECD und des FSB) angleichen. Gleichfalls sollte sich die Schweiz in diesen Gremien noch stärker engagieren und Ideenvorschläge einbringen.

Mit einem solch umfassenden Gesetz würde in die nationale Regulierung Ruhe einkehren, was für den Schweizer Finanzplatz wichtig ist. Die Regulierung muss wieder für alle vorhersehbar und konstruktiv werden. Darüber hinaus schlagen wir eine Änderung des Vernehmlassungsverfahrens vor: Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) sollte zwingend zu den volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Finanzregulierungen einbezogen werden.

Der Schweizer Finanzplatz besitzt mit der „Swiss Value Chain“ eine weiterhin erfolgsversprechende technische Grundlage der Finanzplatzinfrastruktur. Zukünftig sollte der Begriff der Infrastruktur aber weiter gefasst werden, weil für die Zukunft ein erweitertes Infrastrukturgrundgerüst Sinn macht: Die Schweiz sollte sich als Drehscheibe für alternative Anlagen und Finanzinfrastruktur aufstellen und die Ansiedlung neuer Investitions-Hubs überdenken; wir sehen grosses Potential für Infrastrukturfonds, Impact- und Sustainability Investments und einen Venture-Capital-Hub. Darüber hinaus sollte der Zugang zu anderen Märkten sichergestellt werden.

Bei den Banken selbst ist die Rückbesinnung auf ein qualitativ und professionell hochwertiges Produkt- und Dienstleistungsangebot massgeblich, bei dem der Mehrwert des Kunden im Mittelpunkt steht. Traditionelle Schweizer Werte wie die Dienstleistungs- und Servicekultur können als Anhaltspunkte herangezogen werden. Für den langfristigen Erfolg einer globalen Vermögensverwaltung bedarf es einer vermehrten Ausrichtung auf neue Marktregionen, wofür das Personal entsprechend aus- und weitergebildet werden muss. Das Investmentbanking sollte auf den klassischen Bereich fokussiert und hauptsächlich in den Dienst anderer Geschäftsbereiche gestellt werden. Dem Retailbanking steht der grösste Wandel bevor; Banken sollten sich hierbei frühzeitig anpassen.

Diese einzelnen Faktoren sind alle eingebettet in die historisch gewachsenen Rahmenbedingungen, die wesentlich zur Stabilität der Schweiz beitragen, wie etwa Währungsstabilität, die politische Stabilität, ein flexibler Arbeitsmarkt mit bewährter Sozialpartnerschaft und hohe Bildungsqualität. Diese Rahmenbedingungen, wie aber auch die traditionelle Offenheit und Durchlässigkeit der Schweiz, gilt es zu erhalten. Besonders wichtig ist dabei, dass sich die Schweiz auch losgelöst vom Bankgeheimnis als sicherer Hafen für Geldanlagen positionieren kann. Die Politik sollte sich in internationalen Verhandlungen für einen legitimen Schutz der Privatsphäre inklusive Datenschutz einsetzen und insbesondere die Beachtung des Spezialitätsprinzips, der Verhältnismässigkeit und Reziprozität einfordern.

Autoren
mm

Marc Emmenegger

Ehemaliger Projektmanager foraus Ancien manager de projet au foraus

marc.emmenegger@foraus.ch

mm

Kristof Trautwein

Projektleiter eines foraus-Diskussionspapiers.

kristof.trautwein@foraus.ch