Swiss Science Hub

eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis der Global Governance

Forschung als Grundlage von politischen Entscheidungen gewinnt im Bereich der Global Governance zunehmend an Bedeutung. Die globalen Herausforderungen unserer Zeit können nicht ohne wissenschaftlich fundierte politische Lösungen bewältigt werden. Aus diesem Trend hat sich jedoch bisher kein Standardprozess zur Entwicklung wissenschaftlich fundierter Positionen[1]  (franz. «création d'évidence scientifique») entwickelt, der den Anforderungen der Global Governance gerecht würde. Jene Systeme, die bisher einen Austausch zwischen Wissenschaft und politischer Praxis ermöglichen sollen, haben sich als ungeeignet erwiesen. Deshalb sind neue Strukturen nötig, welche die Wissenschaft mit den Bedürfnissen der Global Governance zusammenführen und so den Weg zu neuen wissenschaftlich fundierten Positionen bereiten. Dass Bedarf nach einer Struktur besteht, die den Forschungsstandort Schweiz mit internationalen Organisationen vernetzt, wurde bereits im foraus-Diskussionspapier «La Genève internationale, un atout pour la Suisse»[2] ausgeführt. Die vorliegende Studie knüpft an die Diskussion über die Gründung eines Swiss Science Hubs in Genf (SSH-GE) an und skizziert, mit welchen Strukturen die Gewinnung wissenschaftlich fundierter Positionen für internationale Organisationen nutzbar gemacht werden kann.

Die Defizite existierender Modelle sind zahlreich und lassen sich am Beispiel des Systems zur wissenschaftlichen Fundierung politischer Entscheidungen der Europäischen Union (EU) veranschaulichen. Um den Ansprüchen aller Akteure zu genügen, hat die EU die Verfahren des wissenschaftlichen Ausschusses erweitert. Gleichzeitig hat sie aber dessen politischen Einfluss und dessen Kompetenzen zur Unterstützung der Gouvernante-Prozesse verwässert.

Für ein neues Modell, das Wissenschaft und Global Governance besser miteinander verknüpft, definieren die Autoren dieser Studie zwei zentrale Ansprüche: Vor dem Hintergrund steigender Komplexität und Spezialisierung ist (1) eine Plattform notwendig, die es Akteuren mit unterschiedlichen «Sprachen» (jene der Wissenschaft und jene der Praxis) ermöglicht, sich auszutauschen. Ausserdem (2) muss das Modell den unterschiedlichen wissenschaftlichen und politischen Kulturen der internationalen Akteure Raum gewahren. So können Forschende von Anreizen profitieren, die ihrer wissenschaftlichen Kultur entsprechen. Politische Entscheidungsträgerinnen und -träger erhalten ihrerseits Zugang zu wissenschaftlich fundierten Positionen in einer Form, die in ihrer politischen Kultur Geltung hat.

Als Modell, das diesen Anforderungen genügt, schlagen die Autoren eine Struktur vor, welche die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Positionen begünstigt und auf den folgenden drei Prinzipien aufbaut:

1.     Forschung und Politik bereits in ihrer Explorationsphase verknüpfen: In dieser frühen Phase sind politische Fragen und Bedürfnisse der Entscheidungsträger noch nicht in wissenschaftliche Fragen übersetzt. Es existiert noch keine Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik. Diese gilt es herzustellen.

2.     «Politische Wissensgemeinschaften» (franz.: «communautés d’évidence») gründen: Es sind neutrale Räume notwendig, in denen alle Parteien gleichbehandelt werden und es möglich ist, Schwierigkeiten, welche der Explorationsphase inhärent sind, durch Kommunikation und gegenseitiges Verständnis zu bewältigen sowie gemeinsame Ziele zu definieren. Dabei geht es darum, einen Konsens über die erwünschte Natur der wissenschaftlich fundierten Positionen zu finden, der sowohl politisch relevant als auch wissenschaftlich valid ist.

3.     Das vorhandene Netzwerk strukturieren anstatt neue, monolithische Strukturen zu schaffen: Die Unterstützung für die «politischen Wissensgemeinschaften» muss an ihren jeweiligen wissenschaftlichen und politischen Kontext angepasst werden. Ausserdem muss sie die Akteure berücksichtigen, die schon in diesem Bereich aktiv sind. Ein Modell, das sich die bereits bestehenden Strukturen zunutze macht, kann sich besser an die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen «politischen Wissensgemeinschaften» anpassen.

Konkret empfehlen die Autoren, eine unabhängige Stiftung zu gründen, die – wenn möglich – gemeinsam mit dem SSH-GE etabliert werden soll. Diese Stiftung würde einerseits als Anknüpfungspunkt für ein Netzwerk dienen, das politische Akteure bei der Formulierung ihrer Bedürfnisse unterstützt, welche aufgrund neuer wissenschaftlich fundierter Positionen entstehen. Andererseits würde sie Brücken zu Forschungseinrichtungen bauen und so Forschende dabei unterstützen, die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu evaluieren. Basierend auf diesen zwei Netzwerken hätte die Stiftung das Ziel, die Entstehung der «politischen Wissensgemeinschaften» zu fördern, in denen die Bedürfnisse der politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger mit relevanter und qualitativ hochwertiger Forschung verknüpft werden. Die Stiftung würde ein herausragendes Zentrum für die Vermittlung zwischen Forschung und Politik werden. Im Gegensatz zum Modell des Think Tanks wäre die Stiftung nicht darauf ausgerichtet, eine unabhängige Forschungseinrichtung zu sein. Die Implementierung eines solchen Modells verleiht den daran teilhabendenen Organisationen und Staaten eine Schlüsselrolle bei der Nutzung wissenschaftlich fundierter Positionen für die Global Governance. Die Schweiz verfügt zweifelsohne über die nötigen Mittel, durch die Implementierung eines solchen Modells ihre internationale Ausstrahlung zu stärken.

 


[1] Mit «wissenschaftlich fundierten Positionen» sind hier und im Folgenden Konglomerate aus Fakten und Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Analysen gemeint, die explizit in Bezug zu politischem Handeln stehen.

[2] V. Arico, P. Diaz, S. J. Birchler, G. Licker, L. Rutishauser,: « La Genève internationale, un atout pour la Suisse : propositions pour une Suisse Influente », foraus, November 2013. Dort wird eine Gründung einer «swissnex Geneva» vorgeschlagen.