Jenseits von Nuklear

Analyse aktueller Studien zur Schweizer Stromzukunft und Konsequenzen für die Schweizer Strom-Aussenpolitik

Die Schweizer Pläne, aus der Kernenergie auszusteigen und ambitionierte CO2-Reduktionsziele umzusetzen, machen einen Umbau der heute vorhandenen Stromversorgung unumgänglich. Die Veränderungen von Stromverbrauch und Stromproduktion werfen zahlreiche ökonomische, juristische, institutionelle und technische Fragen auf. Dieses Diskussionspapier setzt sich mit den aktuellen technischen Veränderungen im Strombereich und den daraus folgenden aussenpolitischen Herausforderungen in einem europäischen Kontext auseinander. Die zentrale Frage lautet: Wie ist die Bereitstellung einer technisch effizienten und nachhaltigen Stromversorgung für die Schweiz in Zukunft zu erreichen?

Fünf aktuelle Studien (erstellt vom Bundesamt für Energie, von der ETH Zürich, vom Energie Trialog Schweiz, von swisscleantech und vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen) untersuchen die künftige Entwicklung von Stromangebot und -nachfrage in der Schweiz. Beim Vergleich dieser Studien wird unter anderem folgendes deutlich: um die Nachfrage auf heutigem Niveau weiterhin decken zu können, reichen die derzeitigen Schweizer Kapazitäten aus Wasserkraft und neuen Erneuerbaren nicht aus. Daher sollen laut den Studien die Inlandskapazitäten stark ausgebaut werden, um eine grösstmögliche Stromautarkie zu gewährleisten (Inlandstrategie). Aufgrund der Analyse der Studien und des Schweizer Stromhandels erscheint eine solche jedoch wenig sinnvoll, denn:

Inlandstrategien sind ineffizient

Inlandstrategien sind zu eng gefasst. Für den Zubau neuer Kapazitäten kommen primär Photovoltaik- und Erdgaskraftwerke in Frage. Erstere bedingen in der relativ sonnenarmen Schweiz die Nutzung grosser Flächen und eine Strategie zum Umgang mit der unregelmässigen Stromeinspeisung, während letztere den Bestrebungen zur Reduktion der CO2-Emissionen widersprechen. Eine Inlandstrategie ist daher technisch ineffizient und widerspricht den Bemühungen zum Klimaschutz.

Die Stromautarkie ist eine Illusion

Autarkieargumente sind nicht zeitgemäss. Bereits heute gibt es keine Stromautarkie, da die Schweiz über das Jahr betrachtet grosse Mengen an Strom importiert und exportiert. Nur die nahezu ausgeglichene Jahresbilanz suggeriert eine Unabhängigkeit, die in Wirklichkeit nicht existiert.

Daher sollten folgende Massnahmen ergriffen werden, um eine effiziente und nachhaltige Schweizer Stromversorgung zu erreichen:

Europäischer Blickwinkel statt Autarkie

Der Wunsch nach einer möglichst weitgehenden Stromautarkie und einer daraus resultierenden Inlandstrategie ist aufzugeben. Im Gegensatz zu den analysierten Studien darf das Ausland nicht als passive Quelle und Senke von Strom betrachtet werden, sondern es ist ein aktiver Teil einer zukunftsorientierten Lösung. Die Schweizer Stromversorgung muss einen europäischen Blickwinkel einnehmen: Stromerzeugung und –speicherung finden am besten dort statt, wo optimale Voraussetzungen für die jeweilige Technologie herrschen. Die verschiedenen geographischen Vorteile für eine effiziente Stromerzeugung müssen genutzt werden, um eine verlässliche und europaweite Stromversorgung mit erneuerbaren Energien garantieren zu können.

Schweizer Vorreiterrolle

Die Schweiz sollte daher mit anderen europäischen Ländern, die ähnliche Ziele bezüglich der Stromversorgung haben oder heute schon ihren Bedarf zu grossen Teilen durch erneuerbare Energien decken (z.B. Deutschland, Belgien, Dänemark und Norwegen), eine Vorreiterrolle einnehmen. Dies bedeutet, dass diese Länder in Studien und Pilotprojekten eine gemeinsame Stromstrategie entwickeln, welche die geographischen Vorteile der einzelnen Länder für die Erzeugung und Speicherung von Strom einbeziehen. Die Rolle der Schweiz in einem grenzüberschreitenden Konzept ist die einer Stromdrehscheibe im Herzen Europas und einer „Batterie" mit Pumpspeicherkraftwerken in den Alpen. Andere Länder können sich im Laufe der Zeit den Vorreitern anschliessen. Das Ziel für die Schweiz sollte also die Entwicklung und Forcierung einer Stromstrategie unter Einbezug von europäischen Partnern (kurz: eine europäische Stromstrategie) sein.

Stromabkommen mit der EU

Für die Entwicklung einer europäischen Stromstrategie ist der Abschluss eines Stromabkommens mit der EU von grossem Vorteil, da es allen Teilnehmern eine Gleichbehandlung zusichern wird. Gemeinsame Gremien können eine wichtige Plattform für den Austausch und die Koordination mit europäischen Partnern bieten. Für das in diesem Papier diskutierte Problem der Bereitstellung einer technisch effizienten und nachhaltigen Stromversorgung für die Schweiz kann ein liberalisierter europäischer Strommarkt unter den richtigen Rahmenbedingungen effiziente und nachhaltige Lösungen liefern. Allerdings gibt ein Stromabkommen keine direkte Antwort darauf, wie dies geschehen soll. Zudem sind die Verhandlungen mit der EU wegen ungeklärten institutionellen Fragen blockiert. Um mit anderen europäischen Staaten eine Vorreiterrolle in der Gestaltung der zukünftigen Stromversorgung einzunehmen, erscheint ein Stromabkommen mit der EU vorläufig nicht als zwingende Voraussetzung. Daher darf nicht länger auf dessen Abschluss gewartet werden, um den Umbau der Stromversorgung möglichst früh, koordiniert und effizient einzuleiten. Wegen der offensichtlichen Vorteile ist der Abschluss eines Stromabkommens dennoch weiterhin entschlossen zu verfolgen.