Braucht die Schweiz eine feministischere Aussenpolitik? Eine aussenpolitische Perspektive auf den nationalen Frauenstreik

Niniane Paeffgen & Sophie von Wartburg—Die Schweiz wird für viele ihrer Errungenschaften bewundert: Für ihre direkte Demokratie, die pünktlichen Uhren, hohe Lebensqualität, Weltklasse-Universitäten und Innovationen. Doch in einem Bereich bleibt die Schweiz überraschend zurück: In der Gleichstellung der Geschlechter.

  •      Laut dem „Glass-Ceiling-Index“ des „Economist“ liegt die Schweiz bei der Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt hinter den meisten OECD-Ländern.
  •   Gemäss  Bundesamt für Statistik verdienen Frauen im Schnitt satte 20% weniger als Männer. Davon sind 7 % nicht durch externe Faktoren erklärbar.
  •      Der Schillingreport zeigt, dass der Frauenanteil in Geschäftsleitungen bei 9% und in Verwaltungsräten bei 21% liegt.
  •     Im Bereich ökonomischer Chancengleichheit und Partizipation liegt die Schweiz gemäss dem Global Gender Gap Report 2018 auf Platz 34 von 149.

Die Publikation "Making Gender Work" war die lösungsorientierte  Antwort des foraus Gender-Programms auf diese Diskrepanzen in der Geschlechtergleichstellung im internationalen Vergleich. Der nationale Frauenstreik am 14. Juni ist innenpolitischer Ausdruck des noch immer vorherrschenden Ungleichgewichts. Aus aktuellem Anlass wollen wir heute einen feministischen Blick auf die Schweizer Aussenpolitik werfen.

Frauen in der Schweizer Aussenpolitik

Nachdem die Schweiz 1956 als letztes Land in Europa ihr Aussendepartement auch für Frauen öffnete, ging es in der Schweizerischen Aussenpolitik vorwärts - wenn auch langsam. Heute sind nur 30 der insgesamt 155 Botschafter*innen im Aussendepartement Frauen. Gemäss der EDA Strategie zur Geschlechtergleichstellung betrug 2016 der Frauenanteil im Topmanagement des Aussendepartements bloss 20%, bei diplomatischen Kaderstellen lag dieser bei nur 17%. Will heissen: es gibt klar Nachholbedarf.

Geschlechtergleichstellung im Zentrum der diplomatischen Agenda

Gewisse Länder adressieren Fragen der Geschlechtergleichstellung sehr viel expliziter als die Schweiz und bekennen sich offiziell zu einer “feministischen Aussenpolitik”. Als erstes Land hat Schweden eine solche 2014 verabschiedet und dabei die Förderung der Geschlechtergleichstellung und Frauenrechte ins Zentrum der diplomatischen Agenda gerückt.  Schwedens Aussenministerin Margot Wallström hielt kürzlich fest: «Überall auf der Welt werden Frauen bezüglich Ressourcen, Repräsentation und Rechte benachteiligt. Dies ist der einfache Grund, warum wir eine feministische Aussenpolitik vorantreiben - mit Entschlossenheit, weltweit.»Diesem Vorbild sind weitere Länder wie Kanada, Österreich und zuletzt Frankreich gefolgt.

Eine feministische Aussenpolitik weist einerseits strategisch eine gendergerechte Perspektive in sämtlichen Politikbereichen auf und bemüht sich spezifisch um die Stärkung der Rechte von Frauen. Andererseits geht es um die gleichberechtigte Vertretung von Frauen im diplomatischen Dienst, bei Friedensverhandlungen oder in sicherheitspolitischen Gremien.

Für mehr Chancengleichheit - auch in der Schweizerischen Aussenpolitik

Die schwache Repräsentation der Frauen in der Schweizer Aussenpolitik ist ein Spiegelbild der innenpolitischen Lage und der vielerorts vorherrschenden traditionellen Geschlechternormen. Es braucht ein gesellschaftliches Umdenken, strukturelle Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt wie auch im Steuer- und Sozialsystem sowie eine Debatte über den Wert unbezahlter Care-Arbeit. Nur so kann mit der konventionellen Rollenverteilung gebrochen und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ermöglicht werden - für Frauen und Männer gleichermassen. Angesichts berufsbedingter Anforderungen, wie etwa Auslandseinsätze und rasch wandelnde internationale Entwicklungen und Politik, bedarf es gezielter Massnahmen und innovativer Arbeitsmodelle, um Frauen in der männerdominierten Aussenpolitik zu fördern. Ohne solche gibt es keine echte Chancengleichheit und damit keine Parität von Frauen und Männern in Schlüsselpositionen.  

In einer Welt, die noch immer stark von geschlechtsspezifischen Benachteiligungen geprägt ist, welche sich auch hierzulande offenbaren, muss die Bekämpfung der Geschlechterungleichheit ein Fokus der aussenpolitischen Agenda darstellen. Wir empfehlen, das Thema Geschlechtergleichstellung (SDG 5) auf langfristigere, institutionell breiter abgestützte Weise in der Schweizer Aussenpolitik zu verankern und entsprechende Ressourcen sicherzustellen. Ein innenpolitischer Wandel soll Hand in Hand mit einer feministischeren Perspektive auch in der Aussenpolitik gehen. Die Schweiz dürfte ruhig mutiger sein.

Image: Shutterstock

Autoren
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Niniane Paeffgen

Niniane Paeffgen ist Co-Programmleiterin Gender foraus und im Open Think Tank (OpenTTN) Netzwerk involviert. Sie studierte International Affairs an der Universität St. Gallen, der SciencesPo Paris und schrieb ihre Masterarbeit an der Amerikanischen Universität in Beirut. Heute als Senior Projektmanagerin am Schnittpunkt zwischen neuen Technologien und Politik / Gesellschaft tätig.

niniane.paeffgen@gmail.com

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Sophie von Wartburg

Sophie von Wartburg ist Co-Leiterin des foraus Gender-Programms. Sie hat internationale Beziehungen und Recht in Zürich, Berlin und Kopenhagen studiert. Ihre Mastarbeit widmete sie dem Thema Veränderungen von Normen und Einstellungen zur Geschlechtergleichstellung in Entwicklungs- und Schwellenländern. Heute ist sie in der internationalen Zusammenarbeit tätig.

sophie.vonwartburg@foraus.ch