«Die unterdrückte Muslimin»: von der Überheblichkeit der ersten Welt

Stefan Egli – Seit Anfang Oktober gilt nach zahlreichen anderen europäischen Staaten nun auch in Österreich ein Verhüllungsverbot. In der Schweiz wurde im September die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» des Egerkinger Komitees eingereicht. Mit dem sogenannten Burkaverbot geht es den Initiantinnen und Initianten selbstredend um die Befreiung der muslimischen Frau. Die Debatte rund um das Verhüllungsverbot krankt insbesondere an zwei Dingen: an dem, was der postkoloniale Feminismus als «Überheblichkeit der ersten Welt» bezeichnet und, daraus folgend, an der Negation jeglicher Handlungssouveränität der verschleierten muslimischen Frau.

Hier das aufgeklärte, emanzipierte, frauen- und schwulenfreundliche Europa, dort der rückständige, frauen- und schwulenfeindliche Islam. Um dieses Argumentationsmuster, in der Theorie als Femo- bzw. Homonationalismus [1] oder auch als Ethnosexismus [2] bezeichnet, kommt man in der Debatte um ein Verhüllungsverbot nicht herum. Dabei wird «der Westen» mit seiner «freiheitlichen, abendländischen Gesellschaftsordnung» wahlweise als Bastion der Frauen- oder Schwulenrechte inszeniert, welche es zu erhalten und gegen die «muslimischen Migranten» zu verteidigen gilt. Entsprechend müssen muslimische Frauen sowohl in Afghanistan als auch in der Schweiz von ihren Burkas (lies: von ihren muslimischen Männern) befreit werden. Während die Befreiung der muslimischen Frau dort mitunter den Krieg seit 2001 rechtfertigt, sollen es hier das 2009 beschlossene Minarett- und nun auch das Verhüllungsverbot richten.

In der aktuellen Debatte um das Burkaverbot kommt es zu widersprüchlich anmutenden Allianzen. Da sitzen im Initiativkomitee einerseits alte Männer der SVP, so weit so uninteressant. Da sitzt aber auch die Feministin Julia Onken, die sich bereits als prominente feministische Stimme für das Minarettverbot stark gemacht hat. Und schliesslich sind da sowohl linke als auch bürgerliche Politikerinnen und Politiker sowie Musliminnen wie Saïda Keller-Messahli und Seyran Ateş, die sich ebenfalls im Namen der unterdrückten Muslimin für ein Burkaverbot (also deren «Befreiung») aussprechen.

Geschlechterpakt und Bauchrednertum

Postkoloniale und intersektionale Perspektiven des Feminismus wie beispielsweise jene von Gabriele Dietze zum Ethnosexismus werfen den feministischen Befürworterinnen und Befürwortern eines Verhüllungsverbots vor, sich damit auf einen «Geschlechterpakt» mit dem hiesigen «Patriarchat» einzulassen: Die westliche Frau wird im öffentlichen Diskurs als bereits emanzipiert inszeniert – und verzichtet im Gegenzug auf nervende Gerechtigkeits- und Gleichheitskämpfe. Julia Onken und Alice Schwarzer werden durch ihre Kritik am «orientalischen Patriarchat» von «feministischen Schreckgespenstern» zu «gefragten Expertinnen». Durch die Kontrastierung mit der «orientalischen Frau» verlieren sie jedoch ihre Konfliktfähigkeit gegenüber der «eigenen» unvollendeten Emanzipation «zu Hause».

Dieser Friedensvertrag auf Kosten der Muslimin ist denn auch ein guter Deal für «heimische Patriarchen»: man(n) entledigt sich der «Frauenfrage», indem man sie als alleiniges Problem des «orientalischen Patriarchats» darstellt. Darüber hinaus ist die inszenierte vollendete Emanzipation der westlichen Frau auch ein willkommener Wink mit dem Zaunpfahl an die Adresse der Gender und Queer Studies: Das Ziel ist erreicht, ihr könnt aufhören.

Frauen wie Onken und Keller-Messahli kommt dabei die Rolle der «zertifizierten Expertinnen» zu, die «von der Betroffenenseite her» argumentieren. Man(n) lässt die vermeintlichen Gegnerinnen (Feministinnen) und die «Anderen» (Musliminnen) sprechen, um «den eigenen Text zu versenden». Dass es sich dabei um «dominanzkulturelles Bauchrednertum» handelt, manifestiert sich in der Omnipräsenz dieser Stimmen in den Medien sowie im öffentlichen Diskurs.

Negierte Handlungssouveränität

Dieser Emanzipationsdiskurs und die ihm zugrundeliegende «Überheblichkeit der ersten Welt» vereinen die unterschiedlichen Stimmen für ein Verhüllungsverbot. Diese Überheblichkeit verweigert allen Frauen, die Kopftuch oder Schleier tragen, den «Besitz und die Ausübung von Handlungssouveränität», also von agency. Dies wird daran deutlich, dass in der Debatte um ein Verhüllungsverbot fast immer davon ausgegangen wird, dass Kopftuch oder Schleier unmöglich freiwillig getragen werden könnten. In den Worten des Initiativkomitees: «Kein freier Mensch verhüllt sein Gesicht». Wohlwollend wird von der Verhüllung als Folge der Sozialisierung, anmassend (oder eben: überheblich) gar von einer «Gehirnwäsche» gesprochen.

Unvorstellbar ist hingegen, dass die Verhüllung Ausdruck einer selbstbestimmten, reflektierten Haltung sein kann. Dass sie, wie Dietze ausführt, gar Ausdruck einer «neuen islamischen Weiblichkeit» sein könnte, die sich «sowohl gegen den Entwurf der traditionellen Weiblichkeit», als auch gegen die Definition einer «höher und besser definierten, modernen [westlichen] Weiblichkeit» richtet, oder etwa auch eine «verkörperte Kritik der Sexualisierung und Verobjektivierung von Frauenkörpern» darstellen könnte (siehe Bild), diese Vorstellung hat in der binären Logik von «befreit (westlich) vs. unterdrückt (muslimisch)» keinen Platz.

#IamMyOwnGuardian

Als vor kurzem bekannt wurde, dass Saudi-Arabien das Fahrverbot für Frauen aufheben wird, verwies die saudische Frauenrechtlerin Manal al-Sharif in einem Tweet bereits auf eine weitere Forderung: Mit dem Hashtag #IamMyOwnGuardian wehren sich saudische Frauen gegen die gesetzlichen «guardianship»-Bestimmungen, welche zahlreiche Aktivitäten der Frauen von der Zustimmung eines männlichen «guardian» abhängig machen. Mit diesem Hashtag sagen sich die Frauen von ihren männlichen «Beschützern» los und beharren auf ihrer Selbstbestimmung.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass «ausgerechnet saudische» (lies: unterdrückte, da muslimische) Frauen dem «emanzipierten Westen» in Erinnerung zu rufen scheinen: Über den Körper, die Kleidung und das Auftreten einer Frau entscheidet nicht der Ehemann, nicht der Vater, nicht das Egerkinger Komitee, nicht westliche Feministinnen oder liberale Musliminnen und auch nicht die demokratische Mehrheit – kurz: keinerlei selbsternannte «Befreier». #IamMyOwnGuardian.

Stefan Egli studiert Politische Philosophie und Gender Studies in Bern. Er ist Mitglied des foraus-Programms Migration und Co-Kampagnenleiter gegen das Burkaverbot bei der Operation Libero.

[1] Femonationalismus: «die Indienstnahme feministischer Argumente für rassistische Positionen», siehe Sara Farris: Femonationalismus / Jasbir Puar: Homonationalism

[2] Ethnosexismus: «eine Art von Kulturalisierung von Geschlecht, die ethnisch markierte Menschen aufgrund ihrer angeblich besonderen, problematischen oder ‚rückständigen‘ Sexualität oder Sexualordnung diskriminiert», siehe Dietze: Ethnosexismus