Handicap Sprache: wie wir über Migration reden

Martina von Arx – Die Debatte um Migration ist unsachlich, emotional aufgeladen und polemisch. Dies liegt unter anderem an unserer Sprache: Wir können mit unseren aktuellen Begriffen keinen konstruktiven politischen Diskurs über Migration führen. Wir brauchen neue Begriffe.

Sprechen wir im Thema Migration von Menschen, versuchen wir sie zu bezeichnen und zu klassifizieren. Worte wie MigrantFlüchtlingAusländerAsylsuchender... sind Fremdbezeichnungen, die von uns geschaffen wurden, um ein anderes zu bezeichnen, es einzuordnen und zu verstehen.

Eine Person, die von aussen bezeichnet wird, verliert den Einfluss darauf, wie sie wahrgenommen wird. Solche Begriffe haben oft einen negativen Unterton und grenzen aus. Warum bezeichnen wir uns selbst nicht als Migranten, wenn wir auf Dauer ins Ausland ziehen, sondern als Expats, Auslandschweizer, Ausgewanderte? Welchen Inhalt hat das Wort Migrant, wenn die seit Jahren in der Schweiz lebende Künstlerin aus Südamerika erklärt, sie sei keine Migrantin? Aus der Ablehnung der Bezeichneten können wir schliessen, dass diese Kategorien nicht die Realität jener beschreibt, für die wir sie benutzen: Einheimische und Zugewanderte entwickeln keine gemeinsame Sprache.

Wird aber die Perspektive der Betroffenen ignoriert, so führt dies zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität. In der Migrationspolitik wird so ein entscheidender Faktor nicht in eine Lösungsfindung mit einbezogen und es verwundert anschliessend nicht, wenn migrationspolitische Massnahmen ihre erwünschte Wirkung verfehlen.

Objektivierung und das gesichtslose Kollektiv

Kollektive Bezeichnungen nehmen ein einziges beschreibendes Element und beschreiben damit eine Gruppe. Sie schubladisieren. Die Schubladen helfen uns, die Welt einzuordnen und ihr Sinn zu geben. Wichtig ist dabei aber, dass wir die richtigen Kategorien bilden, um unsere eigentliche Frage zu beantworten.

Genau dies ist bei der Kategorie Migrant problematisch: Bei diesem Wort geht es um das Kommen von aussen (migrieren) bzw. die Fremdheit. In der Realität stehen wir aber nicht vor einer Frage der Gleichheit oder Fremdheit. Wir stehen vor dem Faktum, dass Menschen hier ankommen und dass sie nicht vor allem anders als wir, sondern unter einander verschieden sind. Eine konstruktive Kategorisierung muss also zwischen den Leuten differenzieren und deren Bedürfnisse sowie deren Rechte und Pflichten feststellen können. Wollen wir politische Herausforderungen angehen, ergibt es also keinen Sinn, von „Migranten“ zu sprechen.

Der Gebrauch von Kollektiven (z.B. „syrische Flüchtlinge kommen in Deutschland an“) kreiert das Bild einer einheitlichen Gruppe und ignoriert die persönlichen Geschichten und Hintergründe. Die Bezeichneten werden austauschbar und gesichtslos: Sie werden zum Objekt. Am stärksten wirken Metaphern, die im heutigen Angstdiskurs eine grosse Rolle spielen: Masse, Welle, Fluss, Ansturm, etc. Hier verliert die Migrationsfrage jeden Bezug zum Menschlichen.

Im politischen Diskurs über Migration hat diese Betrachtungsweise fatale Auswirkungen. Sie führt zu illusorischen Unterfangen wie jenem, einen Migrationsfluss kontrollieren zu wollen. Würde davon gesprochen, den Willen und die Absichten von x-tausenden Individuen – denn darum geht es schlussendlich – auch nur beeinflussen zu wollen, fänden wir dies weitaus schwieriger und schwerwiegender, wenn nicht gar absurd.

Rechtlich, gebräuchlich, politisiert – das Kuddelmuddel im Wort

Die Begriffe rund um Migration sind ideologisch aufgeladen. Verschiedene Interessegruppen haben die Begriffe für ihre Zwecke benutzt und sie mit Bildern und Assoziationen geladen.

Im Gebrauch sind die Worte deshalb nicht mehr klar definiert und drei Aspekte überlagern sich: sprachliche Bedeutung (Flüchtling: jener, der flieht), rechtlicher Definition (Genfer Flüchtlingskonvention) und die politisch-ideologische Färbung (Flüchtling als schutzbedürftige Opfer, Flüchtlinge als Fremde, als potentielle Täter). Das Chaos ist perfekt. Besonders, wenn es um den Begriff „Flüchtling“ geht, decken sich aus diesem Grund die individuellen Vorstellungen der Kategorie oft nicht mit der rechtlichen Realität.

Doppelt problematisch werden Begriffe wie Flüchtling dadurch, dass wir tagtäglich allen dreien seiner Aspekte ausgeliefert sind. In der Regel klärt nur der Kontext, in welcher Weise der Begriff gebraucht wird.

Ein konstruktiver Diskurs über Migration?

Um in der Schweiz und Europa konstruktiv mit Migration umzugehen, muss von derselben Grundlage ausgegangen werden. Als erstes gilt es, sich bewusst zu machen, dass es um autonom entscheidende Menschen geht. In einem zweiten Schritt muss wertneutral differenziert werden. Bedürfnisse, persönliche Begründung für die Ausreise und Länderwahl sowie das Potential der Person könnten dabei Ansätze für eine Differenzierung bilden, die sich stärker am realen Individuum orientiert.

Die Differenzierung darf dabei nicht durch stigmatisierende und politisch polarisierende Kategorien wie „Wirtschaftsflüchtlinge“ erfolgen, sondern sollte im Idealfall auch eine Diversifizierung von rechtlichen Kategorien und damit an legalen Wegen der Immigration widerspiegeln. Wenn unsere Kategorien sich nicht zum Sprechen über die Migrationsfrage eignen, so eignen sie sich noch weniger für die Zuteilung von Rechten.

Unsere aktuellen Begriffe stehen einer konstruktiven Migrationspolitik im Weg. Sie grenzen aus, sind interessenbezogen und verfehlen die Realität. Nur wenn wir nüchtern unsere Handlungsmöglichkeiten mit der Realität einer bestehenden Migration abwägen, die realen Beweggrunde für Migration mit einbeziehen und unterscheiden und uns unideologisch damit auseinandersetzen, können zukunftsorientierte Lösungen entstehen.

Martina von Arx, BA in Islamwissenschaften, MA in interkulturellem Management, zurzeit Praktikantin in der foraus Geschäftsstelle in Zürich.

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