Nach dem GAU die Neuorientierung: Was bedeutet Fukushima für den Klimawandel?

Mirjam KoschSeit der Katastrophe in Fukushima denken viele Staaten über den Atomausstieg nach. Dies könnte mehr CO2 bedeuten. Die Wissenschaft muss besser über die Auswirkungen der Politik kommunizieren, sagt Professor Eberhard Jochem.

Bereits 1992 einigten sich die Staaten, die Veränderungen des Weltklimas auf einem nicht-gefährlichen Niveau zu stabilisieren. In den letzten Jahren haben viele Nationen ihre Klimapolitik gestärkt. Dennoch wird sich das Klima mit diesem Politik-Regime bis ins Jahr 2100 um etwa 3-4 °C erwärmen. Das liegt weit über den 2 °C, welche die Wissenschaft – und seit der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 auch die Politik – als kritische Grenze betrachten.
Strom wird heute weltweit mehrheitlich mit Kohle, Öl und Gas erzeugt. Das verursacht rund ein Viertel der globalen CO2-Emissionen. Staaten, welche bisher der Atomenergie auch eine Rolle zur Verringerung ihrer Emissionen zugedacht hatten, werden diese Strategie nun noch einmal überdenken.

Profiteure des heutigen Systems
Die energieintensiven Industriezweige und die Energiewirtschaft sträuben sich gegen Veränderungen des momentanen Systems. Ein Grossteil ihres wirtschaftlichen Erfolges basiert auf billigen fossil oder nuklear basierten Endenergieträgern. Die externen Kosten, die durch unerwünschte Nebeneffekte wie Klimawandel oder Atomkatastrophen entstehen, zahlt die Gesellschaft. Sie haben kein Interesse daran, die externen Kosten zu internalisieren und wehren sich gegen politische Bestrebungen wie CO2-Abgaben oder Erhöhung der Versicherungssummen bei atomaren Unfällen.
Da die Mittel- und Oberschichten als Aktionäre, CEOs, Arbeitnehmende, KonsumentInnen etc. von den vermeintlichen Vorteilen dieser Form von Energie-wirtschaft profitieren und die Medien dominieren, will auch ein Grossteil der Gesellschaft nichts an den momentanen Verhältnissen der Energiewirtschaft ändern – dies gilt sowohl für Industrie- als auch für Entwicklungsländer.

Wissenschaft muss besser kommunizieren
foraus hat zur Thematik ein Gespräch mit Professor Eberhard Jochem geführt, einem Experten für Energiefragen und Klimaschutz. Nebst Wirtschaft und Gesellschaft spielt für Jochem auch die Wissenschaft eine zentrale Rolle: „Die Kommunikation der Wissenschaft ist unzureichend und geht zu wenig präzise auf die Argumente der Klimaskeptiker ein.“ Eberhard Jochem ist der Meinung, dass es zurzeit in der Schweiz und in Deutschland keine überzeugenden Persönlichkeiten aus der Wissenschaft gibt, welche die Politik von neuen Lösungen überzeugen könnten. Er betont aber auch, dass es in Politik und Wirtschaft Persönlichkeiten gibt, die verstanden haben, dass sich eine konsequente Klimapolitik auch wirtschaftlich lohnen würde. „Die Frage ist nur, ob diese sich durchsetzen können.“

Chancen für die Schweizer Wirtschaft
Als konkretes Beispiel nennt Eberhard Jochem die Energieeffizienz: Viele Firmen der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie könnten von mehr Energieeffizienz profitieren. Er versteht deshalb nicht, weshalb ihr Dachverband (swissmem) sich nicht stärker dagegen wehrt, dass die economiesuisse noch immer versucht, viele konkrete Massnahmen zur Energieeffizienz auf politischer Ebene zu verhindern. Er plädiert dafür, dass die Regierungen auf Bundes- und Kantonsebene sich mehr durch eine mittelfristige und gesamtgesellschaftliche Sicht leiten lassenund nicht von kurzfristigen und überzogenen Gruppeninteressen..

Neue Dynamik durch Fukushima
Durch Fukushima ist nun eine neue Dynamik in die Energie- und somit auch in die Klimapolitik gekommen. Wie lange diese Auswirkungen anhalten und in welche Richtung sich Veränderungen ergeben werden, ist zurzeit noch kaum abzuschätzen. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf eine Krise zu reagieren“, meint Jochem, „entweder man bügelt sie mit Kompromissen möglichst gut wieder aus, oder es entsteht ein Kipp-Effekt, und man sucht nach neuen Lösungen. Ein Teil der Staaten könnten die Atomenergie also endgültig kippen und den Ausstieg beschliessen, wie nun die CDU in Deutschland dies mittragen möchte. Derartige Entscheide könnten auch einen Einfluss auf die mittelfristigen CO2-Reduktionsziele der einzelnen Länder und somit auf die globalen Klimaverhandlungen haben. Diese Reaktionen machen die Notwendigkeit langfristiger und verbindlicher CO2-Reduktionsziele deutlich, welche nicht kurzfristigen Interessen nachgeben dürfen.

Grossmächte spielen entscheidende Rolle
Auch wenn lokale Initiativen und die Bereitschaft aller Länder notwendig sind, ist Eberhard Jochem der Überzeugung, dass die beiden Grossmächte China und USA den “Hebel rumreissen“ müssen, damit es zu einem globalen Abkommen kommen kann: „Die Chinesen fangen auf sehr tiefem Effizienz-Niveau an, gehen aber rasant im Klimaschutz vorwärts. Ihr Zuwachs an Strombedarf ist jedoch so hoch, dass er trotz Effizienzsteigerungen noch lange nicht ausschliesslich mit erneuerbaren Energien gedeckt werden kann. China steckt sich seine eigenen ambitionierten Ziele, aber zum globalen Klimaschutzpromotor wird es noch nicht.“ Anders sieht für Jochem die Situation in den USA aus: „In Amerika wird die persönliche Freiheit sehr gross geschrieben und neue Vorschriften und CO2-Abgaben sind sehr schwierig durchzusetzen. Die Mehrheit der amerikanischen Wähler hat die Brisanz des Klimawandels noch nicht begriffen.“

Einfluss auf Durban
Die momentanen Meldungen aus den USA und China weisen darauf hin, dass die beiden Länder ihre Energiepolitik aufgrund von Fukushima kurzfristig nicht grundlegend ändern werden. Die Sicherheit bestehender Atomkraftwerke soll zwar überprüft werden, und der Bau neuer könnte sich verzögern, eine grundsätzliche Änderung ist jedoch aus heutiger Sicht zurzeit nicht zu erwarten.
Somit wird auch der Einfluss von Fukushima – sowohl positiver als auch negativer Art – auf die Klimaverhandlungen nicht entscheidend sein. Die Chancen sind also gross, dass es auch an der diesjährigen Klimakonferenz im südafrikanischen Durban weitergehen wird wie bisher – in allzu kleinen Schritten.

Eberhard Jochem ist emeritierter Professor des Centre for Energy, Policy and Economics (CEPE) der ETH Zürich, das er mit seinen Kollegen Massimo Filippini und Daniel Spreng im Jahre 1999 gründete, und Senior Executive am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe.

Mirjam Kosch studiert Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich und arbeitet Teilzeit bei econcept AG als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie engagiert sich bei foraus in den Arbeitsgruppen Umwelt, Verkehr und Energie sowie Entwicklung und Zusammenarbeit.

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